Wenn jeder gibt, haben alle genug

Die interdisziplinäre Betrachtung unserer Beschaffenheit und der unserer Lebensumgebung sollte eigentlich nochmal alles was wir wissen in einem neuen Licht erscheinen lassen, und ich schätze den bevorstehenden Effekt als vergleichbar bedeutsam ein wie jenen den die Aufklärung hatte, oder Darwins Buch „Entstehung der Arten“.

Wachstum ist nicht das biologische Ziel, erwachsen werden ist es. Damit einher geht ein höherer Anspruch an die Dinge, man wird selektiver, Qualität rückt in den Vordergrund, die Erfüllung wird zielgerichteter. Weniger Verbrauch bei mehr Lebensqualität sind die Konsequenz. Nicht umgekehrt, so wie jetzt.

Es ist keineswegs gewinnbringend, alte Werte durch neue zu ersetzen oder zu beschränken. Um der steigenden Komplexität gewachsen zu sein, brauchen wir mehr Werte, nicht weniger, also auch mehr Menschen die anteilnehmen, sich einbringen, ihre individuellen Vorstellungen von Glück und Erfüllung umsetzen (dürfen). Dadurch verteilt sich Relevanz (schon klar, dass die derzeit Relevantesten das nicht so gerne wollen, dafür habe ich volles Verständnis, aber da sie nun mal unbestreitbar nicht alle Menschen in ihr Denken integrieren können, hoffe ich, dass sich auch deren Verständnis wandeln wird), und was wir in Folge global abbilden, entspricht dann wieder stärker dem ganzheitlichen Denken, mehr Aspekte werden integriert. Die Entwicklung geht dadurch in die Breite, und Vielfalt kann entstehen, Risikostreuung.

Ich bin überzeugt, dass die wenigsten Menschen umwelt- und sozial abträglich leben wollen, denn in unserer Natur kann es schwerlich liegen. Andererseits hat Gewöhnung dazu geführt, dass viele gar nicht auf die Idee kommen, dass sie dazu genötigt werden, zum Beispiel auf Grund von Sachzwängen, denen jeder unterworfen ist, ohne die Wahl zu haben. Ein freilebendes Tier hat bessere Chancen, ungestraft Grenzen zu überschreiten als ein Mensch. Jeder muss außerdem von etwas runterbeißen können, und das darf er nur gegen Geld. Zigtausende Menschen die keines haben, verhungern – täglich, und am Nahrungsmangel liegt es nicht. Alleine was wir wegschmeißen…

Ich entschuldige mich nicht dafür, dass mir die konsequente Umgarnung von Sachzwängen bei näherer Betrachtung absurd vorkommt. Jeder, der Entscheidungen über andere trifft, sollte sich vorher die Augen eines Kindes ausleihen. Denn Kompliziertheit ist nicht der geeignete Weg mit Komplexität umzugehen. Einfachheit ist es.

Das Paradebeispiel dafür ist der Microbloggingdienst Twitter: Das Geheimnis von Twitter ist die Offenheit für alle, woraus eine Art intelligenter Selbstorganisation hervorgeht, die keiner explizit steuern muss. Ich melde mich an und entscheide völlig frei, wann, womit und ob ich mich einbringe. Welcher Diskussionsgruppe ich temporär angehöre, kann ich – muss aber nicht – mit einem Hashtag ausdrücken. Es ist direkter, es ist einfacher wie herkömmliche Communities, und das Mitmachen raubt einem weniger Zeit, bei einer höheren Erfolgsquote die sich schon in kurzer Zeit bemerkbar macht. Das soll nicht heißen, Twitter ist generell besser als die klassischen Communities, es ist einfach anders, intuitiv. Wenn man gibt, bekommt man auch was zurück. Und wenn jeder gibt, haben alle genug. Die Unerschöpflichkeit dessen, was Menschen füreinander tun und sein können unterscheidet eine Kultur des Gebens von einer Kultur des Forderns.