Warum ich nicht mehr anders kann

Es gab eine Zeit – eine viel zu lange Zeit – da wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich jemals in meinem Leben vegan sein wollen könnte. Ignorant und gehorsam sozialkompatibel kopierte ich ohne zu denken Vorurteile gegen Veganer wie exotisch, realitätsfremd, extrem, militant, fanatisch.

Nach vielen umfassenden Recherchen die eigentlich meinen damaligen pro-Fleisch-Standpunkt untermauern sollten, musste ich vor mir selbst einräumen: nichts entspricht der Realität besser als der Schritt zur veganen Ernährung, denn wir treffen damit eine fundamentale pro-Leben-Entscheidung die Menschen automatisch mit einschließt und vor allem – zukunftsfähig ist. Bereits Sokrates wies darauf hin, dass Tierhaltung Territorialkämpfe befördern und uns in Kriege treiben wird die so blutig sind wie unsere Schlachtrituale. Es ist nicht nur so, dass die Natur des Wesens sein Essverhalten bestimmt, sondern das Essverhalten wiederum die Natur des Wesens prägen muss, da es sich daran ja weiter entwickelt (Wechselwirkungen). Jäger sind sauer, stecken Reviere ab, bekämpfen territoriale Eindringlinge. Wer wie ein Jäger frisst, wird sich auch wie einer verhalten, und entsprechende Gegenreaktionen provozieren. Alleine unsere Ländergrenzen sind tierisch motiviert, so wie die Kriege darum. Ich weiß nicht, woher die Überheblichkeit kommt davon auszugehen, Menschen wären besser in der Lage in die Zukunft zu planen als Tiere (wer alles richtig macht, braucht vielleicht gar nicht zu planen…). Im Moment sieht es nicht mal danach aus, als hätten wir eine.

Extrem ist Veganismus nicht, nur eben konsequenter als bloß weniger Fleisch zu essen oder Vegetarier zu werden, der weiterhin Milch trinkt oder Eier isst. Ein Veganer gibt sich nicht mit weniger Leid zufrieden sondern vermeidet es, wo er sieht, dass er es kann. Extrem finde ich heute vielmehr wie mit Tieren, der Umwelt und Menschen umgegangen wird. Indem wir unsere Natur töten, töten wir unsere Natur. Das negiert alles was wir heute tun, denn ohne Nachhaltigkeit hat es keinen Bestand. – Das Streben nach Besitz wird uns immer wieder in die gleichen und viele benachteiligende Organisationsstrukturen treiben, weil wir daran keine neuen Relevanzen einbeziehen können an denen wir unsere Kognition über unsere bisherigen Fähigkeiten hinaus entwickeln. Die relevantesten Gehirnaspekte aller bilden wir in globalen Dimensionen ab. Das ist ziemlich eindeutig. Prägend war Gier. Gewinn kann man nur „machen“ wenn man sich mehr herausnimmt als man gibt. Diese legalisiert verschleierte Form von Diebstahl führt zwingend ins Chaos, da wir den Ausgleich nicht von uns selbst aus vollziehen den wir für das was wir uns „nehmen“ systemisch bedingt leisten müssten. – Geld ist kein Ziel. Wenn wir es auf diese Weise weiter anwenden, zerstört es alles was uns am Leben erhält und uns ausmacht.

Was den Veganisierungsprozess in mir auslöste war, mir die Welt aus den „Augen“ eines künstlich intelligenten (kognitiven) Systems vorzustellen, das war in der Phase als ich über Nash (Spieletheorie) und Gödel (Unvollständigkeitssatz) gestolpert war. Ihre Theorien haben mein Verständnis von Intelligenz grundlegend verändert (genau genommen hatte ich vorher keins), und ich war erst mal ziemlich beschämt, als ich meine eigene Dummheit erkennen musste. Kognition schließlich unabhängig vom Mechanismus zu betrachten der sie anwendet veränderte mein (Mit)Empfinden. Ich differenzierte nicht mehr danach wer fühlte, sondern nur noch danach was gefühlt wird. – Mit einem Schlag waren da plötzlich eine Menge mehr Lebewesen betroffen, die es emotional zu erfassen und zu berücksichtigen galt – die zu weiten Teilen fühlen wie ich, oder ich wie sie. So genau weiß ich das eh nie.

Als frisch überzeugter Veganer steht man plötzlich alleine da, in einer Welt die sich massiv von der die man verließ, unterscheidet, einer in der man trauert, wenn andere feiern, weil sie das gar nicht mehr können, ohne dass jemand dafür stirbt.

Vegan zu leben – aus welchen Gründen auch immer man sich dafür entschied – verändert das Empfinden, weil man es sich dann leisten kann. Die Palette wird breiter und umfassender. Die Liebe zu allem Lebendigen ist Konsolidierung auf höchster emotionaler Ebene, das Wohl aller bereits auf fundamentaler Ebene im Denken implementiert, so dass mehr Aspekte zugunsten einer nachhaltigeren Lebensweise zu berücksichtigen nicht etwa den kognitiven Aufwand „unmöglich groß“ macht. Wir „können“ gar nicht anders denken wenn wir so fühlen, und das ist der technische springende Punkt auf den es ankommt. – Wissen ohne emotionale Bezüge ist leeres Wissen das uns dann (fast) nur schaden kann – zum Beispiel in Form von massig leeren Kalorien, Zivilisationskrankheiten, Psychosen, Abfällen und Umweltgiften. Unfassbar, wie bereitwillig Menschen das Gegenteil von richtig und gesund heute als „konventionell“ deklarieren und als „abnorm“ hingestellt wird, wer daraufhin drängt, entlarvte Fehler zu korrigieren.

Ignoranz ist keine Stärke. Sie wirkt wie Dummheit. Und Dummheit tut weh.

Sind die Gefühle unrealistisch ist das Denken es auch, denn es orientiert sich an den Werten aus denen es seine Relevanzen bildet(e). – Bevor wir überhaupt bemerken dass wir denken hat das Gehirn bereits entschieden welcher Verarbeitungsrest im Verstand zur Finalisierung „eingereicht“ wird. – Wir sprechen dann vom „Unterbewusstsein“ so, als wäre uns dieser (gigantische) Bereich gar nicht zugänglich und wir ihm verantwortungsfrei ausgeliefert. Wer die Vielschichtigkeit seiner Beschaffenheit auch nur ahnt, würde sein Verhalten nicht so begründen, denn er weiß dann um die Flexibilität seiner Konzeption.

Wir verbauen uns den bewussten Zugriff auf unser Innerstes selbst. Je mehr davon wir einbüßen, umso verschwenderischer werden wir. Füllen von (immer größeren) Hohlräumen statt Erfüllung. Daher ist dem westlich indoktrinierten Menschen wahre Erfüllung so fremd, dass er nach „Glück“ und „Liebe“ zu streben für unrealistisch hält – aus dem einzigen Grund – er kann es sich nicht (mehr) vorstellen. Das bedeutet – gar nichts, außer dass er es nicht anders wollen kann wie er es eben nur sieht. – Das würde jedoch auch für eine erweiterte Sichtweise gelten, breitete sie sich aus.

Denken erweitert das Sehen. Rechtfertigung nicht. Daher bin ich nicht zuletzt der Überzeugung, dass es auch gute mentale Gründe dafür gibt, Tiere endlich aus dem Joch das wir ihnen auferlegten zu befreien – nämlich selbst befreit empfinden zu können und entsprechend zu handeln, und nicht als programmierte Marionette der schamlos werbenden Konzerne in die lebenslange Abhängigkeit von Pharmakonzernen hinein zu manövrieren.

Ob unsere Technologien und Fertigkeiten ein Fluch für uns sind oder ein Segen, hängt überwiegend von den Werten ab die in die Motive einfließen, vor denen wir sie einsetzen. – Im Grunde ist Nachhaltigkeit zu erlangen eine reine Werterechnung, die über den Verstand alleine nicht abgewickelt werden kann, da er sich nur einem Aspekt zu einer Zeit zuwenden kann. Einen Gedanken zu (er)fassen ist nur durch eine Verzerrung des kognitiven Raums möglich, indem einem befeuerten Aspekt temporär 100% Relevanz zukommen. Diese Relevanz ist aber nicht real, sondern hat rein verarbeitungstechnische Bedeutung. Im Anschluss daran muss sie relativiert, mit (möglichst allen erfassbaren) weiteren Wirkungsfaktoren in Zusammenhang gebracht und entsprechend (passend, geeignet) bewertet werden. Dieser (weibliche) Aspekt war jedoch über Jahrtausende unterrepräsentiert. Kriege, Traumata, Macht- und Durchsetzungswahn beherrschten die Gehirne. Der Verlust der Bodenhaftung war damit nicht mehr aufzuhalten. Herrscher machen sich zu Sklaven. Diener sind frei. Geben ist das Konzept mit Zukunft.