Der Verschwörungs­theoretiker Visionen

Gleich vorneweg sei gesagt: ich nehme Verschwörungstheorien durchaus ernst, als Gefährdungsindikator. Die Theorie ist das Symbol, der Platzhalter für die fehlende Erklärung, die ja nun hoch komplex ist, und kaum von einem einzelnen Menschengehirn erfassbar – allenfalls zu erahnen. Die betroffenen Gehirne wissen, dass etwas „nicht stimmt“, und suchen nach schlüssigen Mustern die sie zu einem Konstrukt zusammenreimen mit dem sie eine erkannte Gefährdung kommunizieren. Ich möchte jedem entflammten Anhänger verschwörerischer Fremdtheorien nahe legen, sich selbst mit den Ursachen der Menschheitsprobleme auseinanderzusetzen indem er seine eigene Rolle in dem ganzen Spiel intensiv prüft. Daraus lernt man um ein Vielfaches mehr als einem irgendein anderer Mensch über die Welt, das Wesen des Menschen und die Wirkungen seines Handelns beibringen könnte.

Den Aspekt der Gefährdung will ich hier keineswegs verharmlosen, wie es oft im Zuge von wissenschaftlichen Widerlegungen geschieht. Wird die Theorie negiert, nimmt keiner die Gefahr mehr ernst, um die es eigentlich geht. Nur inhaltlich kann ich nicht zustimmen, ich hätte gar nicht die Mittel und das Wissen, jede dieser Theorien auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Und selbst wenn der eine oder andere Treffer dabei wäre, so würde die Verkündung der Wahrheit nicht gleich die Welt der Leser auf den Kopf stellen. Als könnte das da draußen noch jemand klar unterscheiden. Selbst wenn, die Kenntnis der Wahrheit ist eine Sache, daraus Konsequenzen für das eigene Handeln abzuleiten ein ganz andere. So lange das nicht geschieht, ändert auch das Wissen um die Wahrheit – nichts. Zu einem hohen Anteil ist, was Menschen für wahr halten, Wunschdenken, das keiner intensiven Überprüfung standhalten würde. Sind das jetzt alles Lügner? – Nein, das würde ich niemandem unterstellen wollen. M.E. geht es einfach nur darum herauszufinden, worum es ihnen wirklich geht. Genauso gut wie als falsch kann alles als wahr betrachtet werden, und das sogar völlig widerspruchsfrei. Die Frage ist immer nur, vor welchem Hintergrund die Betrachtung erfolgt.

Was ein Gehirn glauben will und was nicht, hat mit vielem zu tun. Fakten sind so ziemlich das letzte. Die muss man erst einmal kennen. Und selbst wenn man in einem bestimmten Bereich faktisch hervorragend orientiert ist, kann dennoch das Gegenteil von dem richtig sein, was einer schließt, was sich erst zeigt, wenn ein weiterer Aspekt bekannt wird. Ein Gehirn das nach Mustern sucht, wird immer welche finden, weil es die zur Ausrichtung seiner kognitiven Aktivitäten benötigt. Im Überforderungsfall bedient es sich hierbei der Ignoranz – Aspekte werden mehr oder weniger bewusst ausgeblendet, um Stimmigkeit herzustellen. Wird hierbei ein Irrtum oder eine Lüge verbaut, ist alles was darauf weiter aufbaut, davon durchdrungen. Ein winziges Detail kann eine ganze Welt negieren, und wohl nicht nur die in unseren Köpfen.

Kann Gott tot sein? – Schließlich ist er ja unsterblich

Wo hört die Wahrheit auf und fängt der Irrtum an? Was ist eine Lüge? Wo bleibt der Spielraum für die Fantasie, die Idee, die Vision, die Unvoreingenommenheit?

Am Anfang war das Wort, und das Wort war mächtig. Aber es ist nichts weiter als ein Symbol, verknüpft mit einem Wert, oder einer Ansammlung von Werten – einem Muster. Eine Feststellung lässt sich damit – abstrahiert und verdichtet – von einem Gehirn ins nächste kopieren. Aber deswegen versteht sie doch nicht jeder gleich, und Bedeutungen verändern sich mit den Erfahrungen nachfolgender Generationen. Begriffe, bei denen unsere Großmütter noch rot wurden, gehören mittlerweile zum Standardvokabular. Hach, ist das geil!

Das einzig Beständige sind die Werte, denn sie sind fundamental. Nur mit welcher Symbolik wir sie verknüpfen, veränderte sich im Laufe der Zeit, unterscheidet Kulturen voneinander, und neue Verhaltensweisen und Lernroutinen gingen daraus hervor. Die Erfahrungsdaten des ganzen Lebens vorhaltende, informationsdichte Werteebene des Gehirns, die Intuition, ist dem Verstand ein Rätsel. Denn nonverbales Denken ist nicht linear übertragbar.

Kann ein Mensch mit seinem Verstand das Universum vollumfänglich erfassen? – Nur die Intuition kann den vollen Erfahrungsbestand des Gehirns zeitnah verarbeiten, und schon der ist selektiert und abhängig von den individuellen Reizschwellen des wahr-Nehmenden. Die Chance, auf einen Wahrheitsvolltreffer beim linearen Stochern stehen nicht besonders gut. Daher haben wir uns auch immer wieder geirrt bezüglich der Beschaffenheit der Welt, und können keineswegs sicher davon ausgehen, dass wir zwischenzeitlich richtig(er) liegen. Heute gilt das als wahr, und morgen zeigt sich ein neuer Aspekt, und dann wird genau das Gegenteil für wahr erklärt. Manche bekommen es mit, andere nicht. Macht aber nichts, übermorgen kann es eh schon wieder umgekehrt sein. Dann kann man genau so gut beten, und sich die Welt als zukünftiges Paradies denken, sich dabei geborgen und geschützt fühlen und das dann einfach leben. Denn was wir fühlen mag subjektiv sein, aber was daraus hervorgeht, das ist real.

Zwischen dem Lebewesen und seiner Umgebung muss zumindest in soweit Harmonie vorherrschen, dass die vom Lebewesen eingebrachte Dynamik die Umgebungsbeeinträchtigung im regenerierfähigen Rahmen belässt, und so erhält, worauf das Wesen zum nachhaltigen Fortbestand angewiesen ist. Nahezu jedes Mitgeschöpf auf Erden hält sich daran, und ist in seiner Wirkung nachhaltiger als wir – aus einem einfachen Grund – es hat keinen Verstand, der das eh schon gefilterte noch mal – und zwar massiv – vorselektiert und reduziert. Ursprung dafür ist immer noch das Triebsystem.

Ein Verstand ist als ergänzender Verarbeitungsmechanismus geeignet, um Detailschärfe zu erlangen, aber er ist kein Ersatz für Gefühle und Soziologie. Er sperrt den Erfasser des Welt-Raumes sonst aus diesem aus, und lässt nur noch ein winziges Schlüsselloch, wodurch er die Bedeutung dessen was er sieht, nur unzureichend erraten kann. Das ist wie eine weiße Wand mit einer Stecknadel streichen zu wollen. Daher sind wir auch so desillusioniert, und die Dinge verlieren ihre Magie, nachdem wir sie *analysiert* haben, denn ihre Bedeutung verstehen wir nicht, da wir die weitreichenden Zusammenhänge durch den winzigen Ausschnitt des Verstandes nicht mehr sehen können. Fast möchte man glauben, dass wir vor lauter Wissen das Sehen verlernten.

Es ist spannend zu forschen, doch wir müssen nichts beweisen. Unser Job ist es zu überdauern. Und wenn die Lehren über Gott zur Orientierung, einem tieferen Selbstverständnis und zur friedfertigen Persönlichkeitsentwicklung des Individuums beitragen, dann kann ich daran nichts Falsches sehen. Wer weiß, ob nicht das vielleicht der einzige Grund dafür ist, dass wir noch da sind.

Wir sind so viel mehr als unsere paar Worte ausdrücken können. Doch wie hätten die frühen Menschen diese Ahnung anders ausdrücken können, als in Symbolik die für Werte und Potentiale jenseits aller, ganz besonders aber der Vorstellungskraft unseres Zeitalters steht? – Gott wurde als ewig (an)erkannt. Wir kapieren die Bedeutung unserer eigenen Symbole vielleicht nur (immer noch) nicht. Womit denn auch?

Kehrt man das Denken um (in Wirkungen denken statt in Vorstellungen), wirkt der Glaube an Gott wirklichkeitsnaher als unser asozialisierendes Geldsystem. Damit will ich keine Abgrenzung schüren, das würde das Konzept negieren, und beeinträchtigen was herauskommt, wenn einer die Reise ins Ich aus freien Stücken auf sich nehmen will.