Sein Selbst ist der Mensch

Die wachsenden Kluften zwischen Arm und Reich, die wirtschaftlichen Entwicklungen und das einseitige Streben nach Geld sind meines Erachtens nicht vorsätzlich verursacht, sondern auf übertriebene Abstraktion zurückzuführen, die uns immer mehr vom Ursprung (was tun wir da eigentlich?) entfernte, vom Kern des Menschseins an sich. Der geringe Datendurchsatz des Verstandes begünstigte eine zunehmende Verdichtung, damit aber auch Reduktion von Informationen, die zu immer größeren Lücken führte, aus denen extreme soziale Hierarchien hervorgingen. Für manche ist der Verlust des Glaubens daran Schuld, und das kann man tatsächlich so sehen. Doch halte ich das auch nur für ein Symptom.

Es mag sich mancher wünschen, dass der Mensch den Wissenschaften abschwört, weil die Fakten über uns selbst eine desillusionierende Wirkung haben. „Liebe ist doch nur Biochemie“. Das war schon immer so. Ja, sie wird in uns biochemisch abgebildet. Daraus geht hervor, dass wir sie fühlen. Wie tief, wie stark, wie lange oder ob für das ganze Leben, darauf haben wir immer noch denselben Einfluss wie vorher. Das Wissen ist nicht das Problem. Ignoranz ist es. Es ist ja so bequem, sich selbst als biochemischen Botenstoffsklaven zu begreifen, der nur noch seinen Impulsen folgt, weil sie ja biologisch und daher natürlich und entschuldbar sind. Werfen wir jedoch einen Blick auf das Aktionspotential mit dem wir das tun, stellt sich die Situation anders dar. Wir richten großen Schaden an, so dass von einer optimalen Anpassung an die Umgebungsbedingungen keine Rede mehr sein kann.

Unsere Anpassung geht ja auch nicht aus der biologischen Entwicklung hervor (das war mal), sondern aus der mentalen. Und eigentlich erfahren wir grade erst, wie es funktioniert und was das (er)fordert. Unsere Vorfahren waren noch näher am Kern des Menschseins, ihr Verständnis von mentalen Zusammenhängen zwar unvollständig, aber dennoch verblüffend. Ich hatte lange nicht verstanden, wie sie überhaupt so viel über die Beschaffenheit der Welt wissen konnten. Dabei haben sie nichts weiter getan, als aufmerksam beobachtet und ihr eigenes Gehirn ausgelesen. Wir haben ja unsere eigene Entwicklungsgeschichte gespeichert, und manchen mochte es gar gelungen sein, durch Mustervervollständigung in die Zukunft zu blicken und damit richtig zu liegen.

Ist ein Wunderwerk wie das menschliche Gehirn wirklich weniger WERT, „nur“ weil wir es verstehen? Wenn wir wissen, wie unsere technischen Geräte funktionieren, holen wir weit mehr aus ihnen raus. Warum sollte das für unsere eigene Funktionalität nicht gelten? Worin liegt der Unterschied? Ist es nicht zielführender, wir haben die Macht über unsere Befindlichkeiten, und nicht die Befindlichkeiten über uns?

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