Rohheit trifft es nicht

Ich halte es für einen Mangel an Bewusstheit, mit dem ich mich vor ein paar Jahren selbst staunend ertappen musste (über seine eigene Unbedarftheit zu stolpern ist erst mal nicht so witzig). Den Verstand verstehe ich als Programm, das ausführt wonach dem zumeist unerschlossenen Unterbau ist. Daher weiß das Gehirn auch vor dem Bewusstsein wie wir entscheiden werden. Fakten stehen da keineswegs an erster Stelle (beispielsweise müssten die Menschen dann mehr Furcht vor den Folgen des Fleischkonsums haben als davor, auf weit weniger flächenintensive biovegane Landwirtschaft umzustellen).

Lange Wirkungsketten, noch dazu ineinander verschlungen, überfordern den Verstand. Intuition wird nicht anerkannt, da sie ihre vielschichtigen Beweggründe nicht detailliert auseinandersetzen kann. Für mehr als zwei, drei Argumente ist das Gehirn über den Verstand kaum zu begeistern. Scharfe Daten merken wir uns weniger gut, wenn die emotionale Beziehung dazu fehlt. Eine einzige intuitive Momentaufnahme zu beschreiben, dazu würde ein Verstand in einem Leben gar nicht fertig.

Die Anforderungen passen nicht mehr zur nativen Verarbeitung des Gehirns. Niemand nimmt Gefühle noch ernst. Das sind (Erfahrungs)Werte die uns dann auch in den lieblos hinproduzierten Ergebnissen fehlen. In der Folge wird der „Hunger“ immer größer. „Mehr“ ist ja kein Problem, wenn man mitten im (scheinbaren) Überfluss lebt. Egal in welchen Supermarkt man schaut, von allem gibt es da zu viel, denn die Regale werden niemals leer. – Mit diesem falschen Eindruck über die Ressourcensituation wachsen Kinder auf.

Mit dem Verstand zu denken erfordert zwangsläufig eine kognitive Verzerrung im Moment der Betrachtung, bis zu 100% Relevanz für einen einzigen, isoliert betrachteten Aspekt, z.B. ein Geschmackselement, um das sich alsbald eine vollkommen überdimensionierte Maschinerie mit grauenvollen Nebenwirkungen dreht. Um die geht es aber nicht, sondern darum, dieses Geschmackselement möglichst vielen zu verkaufen. Die „gläubigen Verbraucher“ sind praktisch dann die „Untertanen“ die eine Machtposition nicht nur schaffen, sondern das Vorgehen bestätigen und die eingeschlagene Entwicklungsrichtung befördern.

Die Relativierung der Temporärrelevanz erfolgte zunehmend oberflächlich (abstrakt), nicht bis an den (Ur)Grund (Bestand / Sein). Der Verstand wird dazu verwendet, Symptome die überwiegend durch unzureichende Berücksichtung von (Neben)Wirkungen entstehen, zu bekämpfen, statt die Probleme einfach zu lösen (dann beziehen wir die Nährstoffe eben aus pflanzlichen Rohstoffen und gut), das kostet nämlich – Macht. Lösungen und das angestrebte Wirtschaftswachstum passen sowieso nicht zusammen. Nur mit immer mehr Symptomen (Defiziten) kann man den Wachstum des Geldvolumens noch künstlich stützen, und das geht zulasten der Ressourcen (Abfallgenerierung). Fast all unser Denken dreht sich ums „Haben“, und schließt „Sein“ damit zunehmend aus. Die Drittmarke in unseren Gehirnen macht den „Wert“ aus den wir einander beimessen, ist also nicht einmal ein Kind eigener Orientierung.

Sein hohes Abstraktionsvermögen ist sicherlich ein bemerkenswertes Feature des Menschen, doch ohne die geeigneten Werte beschleunigt es nur die Vernichtung der Lebensumgebung. Werte sind der Schlüssel, darin sind sich alle einig, auf der ganzen Welt (ist das nicht bemerkenswert?), aber eben Werte, und nicht deren Symbole, an denen sich dann die Geister scheiden (zu viel Verstand, zu wenig Gefühl / Intuition). Selbst wenn zwei dasselbe meinen, verstehen sie sich nicht mehr (als Kinder hätten sie’s noch gekonnt).

Es kommt jedoch auf die Intelligenz der Wert(ein)schätzung an, die eine kognitive Struktur entwickelt (besteht sie nun aus einem Gehirn oder vielen). Geld verursachte die Instrumentalisierung von allem, auch Menschen, und löste die (m.E. einzige Form dauerhaft haltbarer Unerschöpflichkeit) Kooperation ab. Die Weichen für diese Entwicklung wurden bereits vor ein paar Tausend Jahren gestellt, als nach der Blütezeit des Ackerbaus (in der Menschen noch in unbefestigten Siedlungen leben konnten) die Viehhaltung begann (wofür ein Vielfaches an Flächen benötigt wurde, was Territorialkriege heraufbeschwor).

Es machte uns zu vorsätzlichen Gewohnheitsgewalttätern – Bluttaten an Tieren werden nicht mehr als solche empfunden, sondern sind „normal“ und damit gebilligt. Wer es anders sieht wird von der Mehrheit nicht verstanden (man nimmt nicht in Kauf dass wer leidet, wenn man versteht was man dem damit antut). Ich hatte mich einst darüber gewundert, warum es den Veganern nicht reicht, wenn die Menschen nur ganz selten, und dann Fleisch aus Biohaltung essen. Die Missankerennung der Lebensinteressen anderer sind jedoch das Grundübel (vor dem wir zu solch enormen Tötungsmaschinerien fanden wie sie heute laufen) unter dem alle leiden.