Religionsphobie?

Am Wochenende schmökerte ich mal wieder ausgiebig in Wissenschafts- und Philosophieblogs und stieß dabei auf Aussagen wie: “Religion und Ethik schließen sich gegenseitig aus”. – Überhaupt machte sich der Eindruck breit, dass sich eine Art Gottesphobie in den Köpfen mancher Wissenschaftler eingenistet hat, und Menschen mit spirituellen Ansätzen ungnädig abgewürgt werden, selbst wenn sie sich dabei nicht konkret auf eine bestimmte Religion beziehen und ansonsten sachbezogen argumentieren. Auch der Begriff “Metaphysik” erzeugte offenbar so großes Unbehagen, dass man meinem möchte, sie wünschten sich ein Schreib- und Sprechverbot für Menschen die sich gedanklich in metaphysische Sphären begeben.

Ok, mir geht es ja ähnlich. Was immer von mir anerkannt werden will, muss für mich rational begründbar sein. Wenn ich um das zu erreichen jedoch etwas ausgrenzen muss das für viele Menschen eine Bedeutung hat, ist die Erfassung meines Weltbildes auf jeden Fall schon mal unvollständig, und das sogar auf Basis bereits verfügbarer Umgebungsdaten. – Ich versuche stattdessen, hinter die Kulissen zu blicken. Wie und aus welcher Funktionalität heraus haben sich die Anschauungen der Menschen entwickelt, welche Bedeutung hatten sie für ihre emotionale und soziologische Entwicklung, und wie wirkte sich das auf die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen aus, unter denen wir leben?

Hinzu kommt – ich verspreche mir nicht viel davon, einem irrationalen Wesen (wie Menschen es nun mal sind) Ethik „nur“ rational zu begründen. Es ist eine Tatsache, dass unsere Werte unser Denken bestimmen, keine rationalen Begründungen oder gar Fakten. Das mag allenfalls für Wissenschaftler zutreffen, die sich explizit der Wahrheit verschrieben haben, was jedoch auch wieder mit ihren Werten zusammenhängt, und nicht selten mit der Ausgrenzung Andersdenkender einhergeht. Doch was erfüllt für uns deren “Wahrheit”, wenn sie sich gleichzeitig in eine semantische Abgrenzung zurückziehen, so dass ein Außenstehender ohnedies nicht verstehen wird, worüber sie eigentlich schreiben? Was bewirkt schon eine Wahrheit die keinem einleuchtet und daher nicht umgesetzt werden kann?

Dass da eine Skepsis gegen “Experten” entstanden ist, haben sie sich zumindest teilweise selbst zu verdanken. Hinzu kommt: ein Fachgebiet ist eben nur ein Teilausschnitt von Wissen, und erklärt (jedemfalls dem Laien) nicht die ganze Welt.

Ein Kind das zum nächsten Entwicklungsschritt bereit ist, will die Mutterbrust von sich aus nicht mehr. Und so wird es auch mit der Bereitschaft sein, sich Fakten zu stellen (früher oder später holen sie einen eh ein). Grade die rational begründete wissenschaftliche “Welt” hat, was ihr selbst womöglich vor lauter Selbstverliebtheit nicht auffällt, keinen Ersatz, keine Wärme, keinen Anreiz, keinen Trost zu bieten. – Jedenfalls nicht auf den Einblick, den die meisten Laien nur haben können. Sieht man näher hin, eröffnen sich Potentiale die durchaus mit dem mithalten können, was Menschen sich in der Vergangenheit erdachten. – Ihre Gedanken werden ja nun kaum über das hinausgegangen sein, was in diesem Universum machbar ist.

Viel interessanter als die Frage OB etwas wahr ist, finde ich daher die Frage WIE etwas wahr sein könnte. Hierbei war es tatsächlich hilfreich, Symbole (auch Worte) beim Denken zu umgehen. Selbst als Atheist kann man „mit“ Gott leben, wenn man „es“ als symbolische Größe einbezieht die unbestreitbar in und um uns herum wirksam ist. Das muss nicht gleichbedeutend mit “gut” sein, das ist nicht der Punkt, sondern dass der Einfluss besteht. Schließlich hat der Glaube an “es” unsere Welt mit geprägt. – Also ist „es“ zumindest soweit „wahr“ geworden. Vielleicht wäre da noch weit mehr drin gewesen, wenn der Missbrauch nicht gewesen wäre?

Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich “pro Religion” bin, schon weil ich mich generell dagegen sträube, was man mir erzählt ohne gründliche Prüfung in Betracht zu ziehen, sondern verspreche mir mehr von individueller Erkenntnis, Einsicht und Streben nach Gerechtigkeit (ja, ich glaube fest daran, dass wir dazu besser geeignet sind als zu einem egozentrischen Dasein in dem nur noch Dinge unseren Tagesablauf bestimmen und nicht mehr wir selbst). Doch ich glaube auch, dass der Umstand dass Menschen Religionen für “böse” Taten missbrauchten nichts mit der Tatsache zu tun hatte, dass es sich um “Religion” handelte, sondern woran Menschen glauben (wollen), stets ein Mittel ist, mit dem man machtvollen Einfluss auf sie ausüben kann (Massensuggestion, wie sie heute hemmungslos über Werbung etc. weiter betrieben wird – ich sehe nicht, was daran besser sein soll). Steht Religion dafür nicht mehr zur Verfügung – bei den Materialisten zieht sie jedenfalls nicht mehr – gelangen andere Methoden der Manipulation zur Anwendung. Das ist nach meiner Einschätzung das eigentliche Übel. Die Ausgrenzung religiöser Anschauungen ist nicht die Lösung, sondern die Ausbeutung einzustellen ist es. Es gibt keine Gerechtigkeit für den „Verbraucher“, weil bereits das „Verbrauchen“ kein gerechter Akt mehr ist.

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