Pubertäre Krise – Wir sind das Internet

Nur wenige die sich heute auf Facebook oder andern Plattformen bewegen und kaum etwas anderes kennen – Google vielleicht – haben eine Vorstellung davon, was für eine hoffnungsvolle Zone das Internet mal war. Die Pioniere sahen darin die Basis zu mehr Demokratie, freiem Austausch von Daten und Ideen, Wissenstransfer, mehr Verständnis im Für- und Miteinander, und unermesslich Raum für Innovation. Wir, die ersten Bürger des Internet, fühlten uns wie Pioniere. Wir fieberten den Antworten spannender E-Mail-Korrespondenzen mit überwiegend intelligenten Menschen entgegen, surften mit Mosaik, klatschten Qirksmode-HTML mit Tabellen zusammen, waren auf Datentransfers mit Megabyte-Bereich und / oder zeitlich beschränkt, und unsere Suchmaschinen hießen Altavista, Yahoo oder Lycos.

1996 surften wir mit Netscape oder Internet-Explorer, chatteten mit ICQ, als es noch Mirabilis gehörte, und waren damit bereits Mitglieder einer echt sozialen Online-Community. Nachdem Amazon im selben Jahr geboren war, sahen wir jahrelang zu, wie es rote Zahlen schrieb und trotzdem seine Geschäftsidee weiterführte. Heute ist Amazon einer der größten im Netz, Google hat die Internetsuche revolutioniert, und der einst annähernd alleinstehende Internet Explorer wurde zum Hassobjekt webentwickelnder Neuzugänge.

Ohne sich mit gesetzlichen Bestimmungen zu befassen kann man keine Website mehr betreiben. Wer sich nicht den Vorgaben von Marketingfachleuten, Suchmaschinenoptimieren und Socialmediaexperten beugt wird im Sumpf des Selbstdarstellungsgedöns das einen über Tweets, Statusmeldungen, Ads oder Blicke versperrende Modalfenster von den wesentlichen Informationen ablenkt, nicht mehr gehört. Ohne Investitionen von Geld oder sehr viel Zeit kann man, wie es scheint, online nicht mehr mit anderen mithalten.

Moderne Websites sehen mehr oder weniger alle gleich aus, was die Navigation erleichtert, aber die Orientierung blockiert. Alles, was man online macht, selbst der Content den man schreibt, dient nur noch einem Zweck: dem Marketing, der Selbstdarstellung zum eigenen Vorteil, selbst für die Einzelperson, die so individuell sein will wie alle anderen. Sozial ist nur noch ein Überbegriff für eine Gruppe von Werkzeugen die einem zum Aufstieg verhelfen soll. Mit einer Gesinnung hat es nichts mehr zu tun. Im Gegenteil – linksversiffte Gutmenschen stören die Entwicklung zur sicherheitsfanatischen totalüberwachten Gesellschaft bloß.

Das klingt nach einem überaus traurigen Ort. Tatsächlich ist das Internet nicht mehr annähernd so spannend, abwechslungsreich und vielsagend, wie es mal war, und es gibt kaum etwas langweiligeres, als eintreffende Shitstorms die man eh schon kommen sah. So lange sich Dummheit nicht selbst erkennt, bleibt einem nichts anderes übrig, als derlei Auswüchse zu umschiffen. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass die Entwicklung intelligenter Technologien in naher Zukunft eine grundlegende Neubewertung anstoßen könnte die einen Gewinn an Selbstverständnis auszulösen vermag, wie er heute noch unvorstellbar ist.

Der Raum wird Dank immer mehr und leistungsfähigerer Datenträger immer größer, die Verbindungen schneller, die Techniken besser. Wer die Quellen kennt oder etwas sucht, findet wissenschaftlich fundierte Informationen, umfassende und vorbehaltlos recherchierte Artikel, und kann sich nach wie vor auch gepflegt mit intelligenten Menschen austauschen, statt impulsive Hassimpulse zu verbreiten die nur zur Vergiftung des Weltklimas beitragen. Jeder, der eine Website haben möchte, kann innerhalb von Minuten eine mieten und Inhalte darauf veröffentlichen, oder in wenigen Stunden bis Tagen mit einer eigenen oder aufgefrischten Präsenz glänzen.

Man mag es kaum glauben, aber das Internet hat mehr als genug Platz für alle(s) und jeden. Neue Ideen sind immer noch willkommen, und Individualität hat längst nicht ausgedient. Tun was einem selbst und anderen Freude macht, schreiben wo und wann mal will, Inhalte verfassen die authentisch sind, für echte Werte einstehen, und dabei an Menschen denken, nicht daran, was Maschinen davon halten – denn WIR sind das Internet.