Outing

„Ich war mal Idealist, heute bin ich Realist“, so oder ähnlich habe ich oft gelesen, daher oute ich mich heute als Idealist, der es sein ganzes denkendes Leben sein wollte, und immer noch danach strebt, sich zu einem weiseren Zeitgenossen zu entwickeln, der fähig ist, andere zu inspirieren. Dem absoluten Ideal, der perfekten Harmonie wäre nichts mehr hinzuzufügen, das würde Stillstand bedeuten, also kann das unser gesuchtes Optimum gar nicht sein – allerdings glaube ich nicht, dass das wirklich mit Harmonie gemeint ist.

Da sich die Zustände über die Ausdehnung in die vierte(+ weitere) Dimension(en) permanent verändern, tun sich immer wieder Lücken und Defizite auf, die zu füllen neue Bewegung(smuster) verursacht. Sie sind der Motor der Entwicklung. Ein Beschreibungsversuch: So kann man sich beispielsweise die Welt als fluktuierendes Reizschwellenkonstrukt vorstellen, in dem neue Zustände individuell an der Situation so in den vorgefundenen Freiraum hinein entstehen, wie sie sich auf Grund ihrer Beschaffenheit und der ihrer Umgebung in dem Moment ins Gefüge einpassen können, ihm entsprechen. Je besser an der Umgebung orientiert das gelingt, umso widerstandsfähiger sind die neu entstandenen Strukturen, und ihr Einfluss (Relevanz) auf die Entstehung nachfolgender. Was heute diese Form annimmt, würde morgen anders aussehen, weil das Gefüge, der Freiraum sich dann schon wieder verändert haben wird. Wir selbst spiegeln in unserer Beschaffenheit die universellen Gesetzmäßigkeiten wider, aus denen wir entstanden, und ich vermute, dass wir diese früher – auf intuitiver Ebene – besser verstehen konnten als heute, in Form eines Gespürs, das noch näher an den Grundwerten angesiedelt war, ursprünglicher, umfassender.

Im Streben, zu einer möglichst bestandhaften Daseinsform (nachhaltig gedeihliche Entwicklung) zu finden und da zu bleiben, muss es einen intelligenten Weg geben herauszufinden, wie man das macht, ohne sich immer wieder in Seitengassen zu verirren, in denen Neben -zu Hauptaspekten gemacht werden, was die Wertigkeiten unserer Realität von der Wahrnehmung ihrer tatsächlichen Relevanz entfernt. Es gibt Lebewesen, die schafften es über Hunderte Jahrmillionen, selbst wir hatten eine weit längere biologische Entwicklungsgeschichte denn ein Leben mit Kultur. Was hält uns davon ab, weiterhin langfristig zu agieren? – Intelligenz kann es ja wohl nicht sein. Nein, es sind unsere Wertigkeiten, und die sind offenbar nicht mehr ganz stimmig, sonst würden daraus keine Probleme hervorgehen wie jene, vor denen wir gerade stehen. Bahnbrechende Entdeckungen die kluge Menschen zum Wohle der Menschheit machen, werden von anderen Menschen sogar gegen andere angewendet. Wenn ich meinem Nachbarn mit dem Hammer auf den Kopf schlage, schrumpft er vielleicht um zwei Zentimeter, aber es macht mich nicht größer, nur ihn kleiner. Macht das jeder mit jedem, schrumpfen wir alle.

Wie klein wollen wir also noch werden, indem wir uns permanent herunterdeckeln (lassen)? Abhängigkeiten, Vorschriften, Gesetze, Pflichten, Zwänge, Einschränkungen ziehen uns den Zahn der freien, individuellen Entfaltung, weil wir für jede emotional-soziale Verknüpfung, die unseren Gehirnen verloren geht, eine äußere Entsprechung brauchen – den Zwang, der die einst komplexe Beziehung zu anderen Menschen und überlebensrelevanten Umweltfaktoren durch eine lineare Kennzahlenschnittstelle ersetzt, auf die sich die Wertung dann konzentriert – fälschlicherweise. Hoch abstrakt, ganz weit weg von den Ursprungswerten, daher kaum noch von nennenswerter emotionaler Qualität, denn Verknüpfungen die das gestatten, *zählen* in unserem Lebensmodell nicht mehr. Dass wir hierbei ein hoch differenzierungsfähiges Informationssystem ausschalten, ist uns gar nicht bewusst. Emotionen werden erst dann irrational, wenn wir gegen ihre Logik handeln, weil sie dann dazu neigen, sich ersatzweise auch mit weniger nachhaltigen Symbolen zu verknüpfen, zum Preis einer geringeren Intensität der Ausschüttung, was einen leicht in unersättliche Gier treiben kann, über den Freiraum herzufallen, der einem dann nur noch bleibt. Hierin liegt die eigentliche Irrationalität, und nicht in den Emotionen und Gefühlen an sich. Diese Lanze hat die Gehirnforschung eigentlich längst gebrochen, aber auch ihre Bedeutung erkannt?

Den Menschen aus der Sicht von Verhaltensforschung, Entwicklungsbiologie und -Psychologie zu betrachten ist schon sehr reizvoll. Die Sicht des Glaubens erhellend, jedoch die Sicht aus seiner Gehirn- und Körperfunktionalität heraus lässt alles noch mal in einem neuen Licht erscheinen. Es gibt dann nämlich keinen Unsinn mehr. Andererseits wurde es nach und nach erschreckend dabei feststellen zu müssen, wie weit ich nunmehr in vielem von dem abwich, was andere von sich gaben, und das betraf immer mehr Aspekte. Ich begann mich mehr und mehr zurückzuziehen, war verunsichert, prüfte, las, was es an neuen Erkenntnissen gab, stimmte ab, überdachte neu, fasste zusammen, prüfte erneut. Am 17. Oktober 2007 entstand eine Formel, die sich auf alles anwenden lässt was von Menschen erfassbar ist. Irgendwie dachte ich, damit wäre der Damm gebrochen.

Vordenken ist sich unter permanentem Selbstzweifel, Skepsis von allen Seiten und ständig hinterfragend mit dem Buschmesser durch einen dichten Dschungel zu bewegen, und unter großer Kraftanstrengung Schneisen zu neuen Antworten und neuen Fragen zu schlagen, denen andere dann folgen können. Früher oder später…

Vielleicht ist jede erstmalig getroffene Vorstellung eine Wahnvorstellung. Keinesfalls geht sie spurlos an einem vorbei. Sie verändert einen Menschen. Alleine unsere Vorstellungskraft kann uns zu *besseren* oder *schlechteren* Menschen machen. Effekte, selbst wenn sie aus etwas hervorgehen, das faktisch nicht korrekt ist, schaffen Fakten. Vielleicht müssen wir manche Wahrheiten, die wir mangels Beweisbarkeit von uns weisen, einfach mal über ihre Wirkungen verstehen, Unschärfen in Kauf nehmen. Sie sind das Gestaltungselement, aus dem Abweichungen hervorgehen, Variationen, Vielfalt, die Kreativität, das schöpferische Moment.

Wir sind (vermutlich) die einzigen Menschen die es im Universum gibt, und auf das angewiesen, was wir (an)erkennen können, auf der einzigen Erde die es gibt. Sollten wir da nicht viel besser aufeinander achtgeben statt Potentiale gegeneinander zu verpuffen? Wovon haben alle mehr? Das herauszufinden ist sicher eine knifflige Aufgabe – für ein intelligentes System, denn die Anzahl der zu berücksichtigenden Parameter ist unvorstellbar hoch – für einen einzelnen Menschen. Wie aber sieht es mit allen Menschen aus…? – Sollte da nicht sowas wie eine intelligente Organisationsstruktur hervorgehen können, ja müssen, wenn wir es tatsächlich sind – intelligent – da wir ja abbilden, was wir sind.

Die Welt in der es für alle etwas zu gewinnen gibt, rückt umso näher, je besser wir uns verstehen. Gegenseitig geht daraus hervor, da je besser wir uns selbst kennen, in umso mehr anderen erkennen wir etwas von uns wieder. Das erhöht das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft, und vor allen Dingen Inspiration und Kreativität. Intuition und Verstand arbeiten effizienter zusammen, was den Progressionseffekt durch die Informationsverdichtung erheblich mildert. Betroffen ist davon nämlich in erster Linie der Verstand (konstanter Datendurchsatz, beschränkt auf einen Aspekt zu einer Zeit). Intuition arbeitet dem Verstand sogar umso präziser zu, je mehr Bewertungseindrücke ihr vorliegen, und je dichter die Vernetzung der Aspekte ist, ohne dass sie an Geschwindigkeit einbüßt. Aus Konsistenz geht ein treffenderes bewusstes Denken hervor.

Die Gehirnstruktur die wir global abbilden, entspricht dem, was wir derzeit über uns wissen, zeichnet den menschlichen Verstand (nicht mit Vernunft zu verwechseln) überdimensioniert nach, speziell die Hierarchien, in denen er technisch bedingt denken muss, woraus Ignoranz hervorgeht. Konsolidierung nennen wir das gerne, wenn uns vor lauter *alle über einen Kamm scheren* der Überblick verloren geht. Wir brauchen ja Beweise, um unser Bewusstsein erweitern zu können, uns (wieder) ein bisschen besser zu verstehen. Aber all das, auch was wir noch nicht verstehen, macht uns eben auch aus! – Es ist um ein Vielfaches mehr dessen, was wir wissen, und es kann so großartig sein, wie wir in der Lage sind, uns vorzustellen.

Ich weiß, ich bin nur ein kleiner Fisch, ganz unten in der Hierarchie und daher ohne nennenswerten Einfluss. Darf mir deswegen die Zukunftsfähigkeit der Menschheit nicht am Herzen liegen? – Entlohnung gibt es dafür keine, wohl deswegen, weil es mir an Rang und Namen fehlt. Macht das aus Inhalten wirklich etwas anderes? Ich sehe nicht, dass das Bestreben nach Zukunftsfähigkeit konsequent erfüllt wird. Das betrifft mich in der unteren Hierarchiestufe sogar zu einem größeren Anteil wie jene, die über mir stehen, denn ich falle früher unten raus, gleichwohl der Einfluss den ich darauf nehmen kann, von geringerem Anteil ist. Kann das wirklich schon Demokratie sein? – Manchmal möchte ich aufstehen und schreien – „Ist das Regelwerk der Gegenwart überhaupt darauf eingestellt, dass wir eine Zukunft haben?“ Je stärker wir uns auf das arretieren, was wir kennen, umso stärker ignorieren wir, was darüber hinaus noch oder stattdessen richtig ist. Sachzwänge und -güter haben mehr Menschlichkeit zu erwarten, als Menschen und Mitlebewesen, und das kann es einfach nicht sein.

Für uns als sich entwickelnde Wesen geht es weniger darum, alles zu wissen, als vielmehr darum, unsere Mitte (wieder) zu finden, damit wir uns näher ans Optimum schmiegen können, indem wir die Freiräume in die wir eindringen, daran ausrichten, statt uns evolutionär und ohne Draufsicht von Nische zu Nische zu hangeln. Irrtümer wird es immer wieder geben, das Zusatzrisiko Schadwirkungen *billig-end* in Kauf zu nehmen, braucht kein Mensch wirklich! – Konzerne sind ohne uns nicht lebensfähig, also wäre es sogar doppelt unsinnig, uns von ihrem Ressourcenhunger in Ressourcennot bringen zu lassen. Ich weiß nicht, wie es anderen dabei geht, aber mich macht das nicht besonders froh. Umso mehr Lebensqualität beziehe ich jedoch aus der Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kognitionsforschung für die nachhaltige Entwicklung, in einem sozial- und umweltverträglichen Geldsystem. Wenn alle Menschen hinter Geld her sind (bzw. sein müssen), ist es sinnvoll, das Steuerungsinstrument Geld intelligent und weitsichtig zu handhaben. Wenn wir intelligent sind, sollte das kein Problem für uns sein. Unsere geistigen Errungenschaften bilden wir schließlich schon ab, seit es sie gibt. Doch wir werden immer nur so intelligent agieren, wie unsere Wertigkeiten es zulassen, weil sie die Parameter liefern, mit denen wir Umgebungsfaktoren in unseren Entscheidungen gewichten, und ob überhaupt. Nur die aufrichtige Bereitschaft zu einem ehrlichen Wirklichkeitsbezug fördert die Entsprechung, die Anpassung, die Nachhaltigkeit, die Zukunft, das (Über)Leben.