Orientierung

Entwicklung ist ein Prozess, der auf dem Bestehenden aufbaut. Das hat grundlegende Bedeutung, wenn man die Funktionsweise von Menschen untersucht. Es kommen stets und nur Mechanismen zum Einsatz, die bereits vorliegen um auf eine neu erkannte Anforderung adaptiert zu werden. Was besteht, kann auch einer Beobachtung entlehnt sein. Das wird sich beim Lernen niederschlagen, der kognitiven Entwicklung. Solche Form ist vergleichbar mit dem Einbringen genetischen Codes durch ein Virus. Das hat es auch in der menschlichen Entwicklung gegeben. Das Bestehende, auf dem aufgebaut und das abstrahiert wurde, war dann der assimilierte Code des Virus“. Ob er erfolgreich zur Anwendung kommen konnte, stellte die Selektion fest. Beim Lernen hingegen greift man auf Erlebtes zurück, das bestand zum Zeitpunkt der Erfahrung (z.B. der Eltern) und konnte im Gehirn nur an die bestehende Kenntnisbasis anknüpfen und nur anwenden, was dort bereits vorlag.

Bezieht man diese Tatsachen ein, kann man im Rückschluss folgern, aus welchen Motivationen und Instrumenten sich menschliches Verhalten zusammensetzt. Es sind überwiegend tierische Gepflogenheiten. Indem das Folgende darauf aufbaut, sind die Mechanismen überall dort omnipräsent, wo es gelang sie nützlich einzusetzen. Schon im Sinne der Ressourcenschonung handelt es sich um dieselben. Je früher die Basis im Wesen entstand umso dominanter wirkt sie im daraus entwickelten — weil grundlegend.

Zurück zum Thema. Orientierung haben die Wesen aus denen wir hervorgingen erlernt, nachdem oder während sie Mobilität entwickelten, sich bewegen konnten. Davor waren sie dem ausgesetzt, was am Ort gegeben war. Die Entscheidung, sich überhaupt fortzubewegen ist ausreichend begründet, wenn es den örtlichen Gegebenheiten zu entweichen gilt. Anderswo sein zu wollen bedarf keiner Orientierung. Sich allerdings dorthin begeben zu können, entfaltet das Potential aufzusuchen, was erstrebenswert ist, Nährstoffquellen z.B. .

Gemessen an dem, was Menschen heute anstreben, war das noch leicht zu erkennen. Sinnesorgane erlaubten es, Umgebungsinformationen aufzunehmen. Das anfänglich profane Nervennetz führte die Eingangsreize direkt zu den Aktoren, die die Bewegung ausführten um zum Ziel zu gelangen. Fische und Reptilien funktionieren noch so, haben sich aber bis heute auch fortentwickelt. Sie verfügen wie wir über ein Zentrales Nervensystem, das die Reize sammelt, bevor die Reaktion ausgelöst wird. Darin werden beispielsweise einfache Berechnungen vorgenommen, die die eigene und die Bewegung des Zielobjekts berücksichtigen um es zu erreichen.

Basis für solche Aktion sind zwei sogenannte Vektoren, die sich an einem Punkt kreuzen, dem projektierten Zielpunkt. Fische und Echsen kreisen bzw. warten bis das Objekt in Greifnähe ist und vollziehen dann identische Bewegungsschemata aus einem Fundus um die Beute zu schlagen. Gewieftere Jäger wie die höheren Säugetiere sind in der Lage, ihr nachzueilen, die Hetzjagd wurde dabei entwickelt. Sie erfordert es, die Bewegung immer neu am komplexen Verhalten des Zielobjekts zu orientieren. Um das zu können, gingen sie durch eine Entwicklungsstufe, in der sie die Technik erlernten, als sie soetwas wie Ratten waren. So wie wir auch.

Während der Wurmfisch der wir mal waren noch jagte wie Mäuse es später fallweise tun, liegt das Potential von Ratten im gemeinsamen Vorgehen, sie jagen aber nicht mehr. Die Stärksten sind die Schnellsten, sie laufen vor, der Rest folgt ihnen. Da in der Horde kein Ziel erkennbar ist sondern allenfalls eine Richtung und eine Distanz am Geruchseindruck, richtet sich jedes Mitglied an denen aus, die es umgeben. Dabei kann ein Orientierungsmechanismus zum Einsatz kommen, der schon als Fisch entstanden ist: Schwarmverhalten. Ob das für unsere Vorfische galt können wir nicht sagen. Von denen, die dafür in Frage kommen, fanden wir jedenfalls nur vereinzelte Fossilien vor, genetischer Rückschluss ist daraus nicht zu ziehen. Ob sie es bereits waren, die schwärmten, wissen wir nicht. Als wir an Land gingen waren wir jedenfalls Einzeljäger, Zielobjekt waren Insekten.

Im Rattenstadium verstärkte sich der Ausbau des Gehirns durch Eiweißaufnahme. Wenn das Maß der Intelligenz nicht mehr von der Zellfunktionalität selbst abhängt sondern im Wesentlichen von der Anzahl, muss spätestens zu diesem Zeitpunkt ein Verknüpfungsmodell entwickelt worden sein, das auf die natürliche Umgebung ebensogut anwendbar war, wie auf die soziale. Orientierung dürfte bei der Erfassung der Umgebungsbedingungen wichtigste wenn nicht *die* Funktionalität gewesen sein.

Die Rattenhorde bewegt sich mehr oder weniger zweidimensional fort. Technisch wird Orientierung an der Position relativ vorgenommen. Im dreidimensionalen Raum für den auch wir gebaut sind, steht etwas vor uns, links oder rechts von uns, über oder unter uns. Was hinter uns ist, war immer schon konkurrierend und ansonsten schlecht wahrnehmbar. Es treibt uns vor sich her, ist eine Bedrohung, Fressfeind oder Mitesser. Verfügt es über kein Potential, ist es belanglos.

Das Verhältnis zu den Positionen über und unter uns ist ambivalent daran ob es sich um Freund oder Feind handelt, er schwächer ist oder stärker. Jedenfalls ist oben die Sonne, die Position also erstrebenswert aber nur unter Widerständen zu erlangen und Gefahren zu halten. Dazu muss man speziell motiviert sein.

Neben uns sind hingegen solche wie wir selbst. Es schwimmen keine einander feindlichen Fische nebeneinander her, auch unter anderen Lebewesen ist solche Konstellation nur gegeben, wenn sie gerade nichts voreinander zu befürchten haben sondern mehr von hinten (Stampede).

Bilden wir eine soziale Horde (Truppe), wünschen wir neben uns, wem wir gewogen sind und dessen Potential uns entspricht. Die rechte Hand trägt uns zu, der linken tragen wir entweder selbst zu oder vernachlässigen sie gegenüber der rechten. Am Rand der Horde kann eine der Positionen vakant sein.

In Gefechtsstellungen nennen wir solche Konstellationen „Formation“, die entsteht dabei nämlich aus den Affinitäten und hält man sie diszipliniert ein, hat die Gruppe einen Kampfvorteil durch biologisch verankerte Orientierung. Sie ist ein Rudel.

Schwarmverhalten ist mathematisch abbildbar und wird in der Sozilogie und der Trendforschung eingesetzt. Es geht dabei um die Präferenz, mit der Distanzen zu den unmittelbaren Nachbarn verkürzt (Anschluss), erhöht (Freiraum) oder beibehalten werden.

In der Gruppendynamik gibt die Alpha-Position Richtung, Tempo und Höhe vor. Wer höher will, muss an ihr vorbei (3-D), wer weiter vor will, muss schneller sein (2-D), wissen, wo es lang geht und über das Vertrauen der Nachfolgenden verfügen sonst steht er bald alleine auf weiter Flur. In der 2-D-Betrachtung ist Alphas rechte Hand Beta. Ansonsten steht er in der Position darunter, vor dem Rest der Gruppe auf selber Höhe, leitet sie an. Es folgen nebeneinander liegende Gamma-Positionen. Die vertrauen Beta mehr als Alpha. Ihr Mangel an Strebsamkeit und Bewusstsein für Harmonie befähigt sie zur Aufgabenbewältigung. Sie sind belastbar, führbar und kooperativ, bilden den Kern und bewerten die Führung am Erleben. Die letzte Position Omega treibt die ganze Gruppe voran. Verliert Alpha seinen Zuspruch, bleiben nur noch Omega der stets bremste und gegen Alpha gerichtet sowie Beta, der stattdessen loyal ist. Gammas werden sich an den Führungswilligen orientieren, sind es selbst nur dann, wenn es die Situation erfordert. Die Positionen wechseln dann, vakante aber relevante werden befüllt (Machtvakuum). Die Positionen sind in der vernetzten Gesellschaft relativ. Alpha der einen Gruppe ist womöglich Omega einer ihr übergeordneten.

Vision, Beute, Partner, Freund, Feind sind ursprüngliche Konstellationselemente der höheren Lebewesen. Die Vision ist die Leitlinie, die Beute das Ziel, der Partner Gehilfe und der Widersacher hinter einem her. In der menschlichen Gesellschaft sind das alle füreinander. Sonst ist da kein Lebewesen mehr, das Positionen relevant einnehmen könnte.
Konfrontation ist die Stellung nach der die Positionen neu geordnet sind. Nach meinem Dafürhalten machen wir genau an diesem Punkt etwas falsch. Wir leben die Konfrontation statt der Ordnung. Das erhöht zwar die Dynamik, macht aber viel(e) kaputt.

Vermutungen/Thesen (sonst ungestützt):
Orientierung ist die Grundlage jeder Konstellation im menschlichen Gehirn, das die Wirklichkeit abbildet.
Die Datenhaltung im menschlichen Gehirn ist fundamental und damit in jeder Weise an den Merkmalen der Orientierung ausgerichtet (über/unter, vor/hinter, links/rechts, daraus durch den Verstand adaptiert vorher/nachher)
Damit ist zu begründen, weshalb uns nur eingeschränkt viele Assoziationen pro Aspekt einfallen.
Diese stehen jeweils in der Rolle einer Richtung mehr oder weniger treffend repräsentativ, werden jedenfalls so präferiert behandelt (Relevanz).
Beispiele: Schulnoten (scharf): 1(A) oben, 2(B) vorne, 3(C) rechts, 4(D) links, 5(E) unten, 6(F) hintenrnFarben: (interpretativ aber komplementär): rot (vorne), blau (unten), gelb (oben), weiß (links), schwarz (rechts), grün (hinten)
Gruppendynamik: alpha (oben), beta (vorne), gamma (links/rechts), omega (hinten).
Gibt es vielleicht noch deltas und epsilons unter den gammas, die bislang nicht so scharf differenziert wurden? Babys/Kinder?

Wofür ist diese Betrachtung nützlich?
In der maschinellen Kognition arbeitet man gerne mit sog. Topic-Maps, die die Wissensbasis abbilden. Hierarchisch gesehen beginnen sie oben bei der Welt und münden in den Werten. Bei der Erforschung geeigneter Analyseverfahren ist die Grundproblematik gegeben, dass der Vergleich aller Konstellationen zu aufwändig ist und gemessen daran zu wenig nützliche Informationen hergibt. Menschliche Kognition differenziert über die relevantesten und zueinander passenden Aspekte besser, d.h. schneller.
Es folgt daraus, dass zur Untersuchung eines Aspekts die zu ihm korrespondierenden unterschiedlich bevorzugt zu behandeln sind. Welche korrespondieren, steht in der Vernetzungsstruktur deren genauer Aufbau uns beim Menschen unbekannt ist. Am grundlegend Hinweislichsten (und am schnellsten beantwortet) ist z.B. die Frage, welchem Symbol ein Aspekt zugeordnet ist. („Was ist das?“)
Wo ein Aspekt in der 2D-Hierarchie (oben/unten) steht, bezeichnet bereits, was ihn deklariert bzw. spezifiziert. Das ist in jeder hierarchischen Struktur so abgebildet: Wozu gehört etwas und was gehört dazu? Aussagekräftig ist darüber hinaus, wie sich Aspekte derselben Ordnung im Netzwerk stellen, das sind nebenliegende. Will man einen Aspekt einsortieren, gibt es davor (links) liegende und nachfolgende (rechts).
Die zur klassischen Datenverarbeitung kompatible, plan-hierarchische Anordnung ist zum besseren (maschinellen) Verständnis womöglich durch eine dreidimensionale zu ersetzen. Eine Sonderstellung nehmen nämlich die Symbolbezeichnungen ein, die könnte man 3D gesehen vorne anlegen (Definition). Was zur Vollständigkeit der Informationen dann noch fehlt, sind die Relevanzen, die man dann hinter die Struktur stellen kann. Aus ihnen entsteht später ein tierisch neuronales Netz, das über die Symbole zu noch unbekannten Werten und Aspekten findet um Erkenntnisse schnell anzuwenden (Emotionale Kognition). Auch für die Untersuchung sind sie hilfreich, weil identisch hohes oder stetes Vorkommen (Relevanz) auf Regelzugehörigkeit hinweist (Allgemeingültigkeit).

Eine beschleunigte Analyse stellt sich für jeden Aspekt dann bevorzugt die Fragen:
Was ist das? (steht davor)
Wozu gehört es? (Was steht darüber)
Woraus besteht es? (Was steht darunter)
Was ist ihm ähnlich? (steht daneben)
Wo gehört es da “rein? (links/rechts)
Wie oft kommt das vor? (Was steckt dahinter)
und wendet erst dann weitere Funktionalität an (Ausschluss z.B.) oder geht in die tiefere Betrachtung.

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