Mit den Augen eines Menschen

Spätestens wer die Themen und Reaktionen auf die re:publica'09 mitverfolgt hat, musste merken, die Medienlandschaft verändert sich.

1995 bestellte ich meine erste Internetflatrate. Der Datentransfer war wohl beschränkt, aber die Onlinezeit nicht. Beim Internet über Kabel war man ohnedies die ganze Zeit online, sobald der Rechner lief. Von da an kaufte ich keine Zeitungen mehr und keine Zeitschriften (abgesehen von seltenen Expemplaren zum Probelesen, als ich redaktionell tätig war). An Papier als Medium glaubte ich nicht mehr, ja ich hoffte, dass es bald überhaupt nicht mehr benötigt wird. Meine redaktionelle Karriere war entsprechend kurz, so kurz, dass ich mich nicht als Journalistin betrachten und bezeichnen mag. Ich schreibe wann mir danach zumute ist und wonach mir zumute ist und räume ein, dass ich niemals objektiv sein werde. Denn ich bin ein Mensch und betrachte die Dinge mit den Augen eines Menschen, was bereits Voreingenommenheit ist.

Welcher Leser, der seine Tageszeitung in die Hand nimmt denkt darüber nach, wie viele Tonnen Rohstoffe für jede Zeitung die es auf der Welt gibt, tagtäglich verarbeitet werden müssen? Unvorstellbare Mengen Papierabfalls entstehen für den flüchtigen Augenblick einer Aktualität, die bestenfalls um Stunden hinter den Geschehnissen her hinkt. Dass daran noch so lange festgehalten wurde, wunderte mich. Selbst Bücher, derer ich früher wie ein Junkie ständig welche konsumierte, verloren für mich ihren Reiz. Bald gab es kein Thema mehr, über das sich nicht auch online recherchieren ließ.

Endlich treten auch eBooks auf geeigneten Lesegeräten ihren Siegeszug an – warum nicht auch tägliche ePapers abonnieren? Die Rohstoffe, die heute für Zeitungen Verwendung finden, können für die Produktion von Toiletten- und Küchenpapier herangezogen werden, anstatt dafür Urwälder zu schlagen, nur weil ein Quadratmeter davon für einen Spottpreis zu haben ist. Ob dieser den tatsächlichen Wert widerspiegelt, den Urwälder für unser Überleben haben, muss wohl bezweifelt werden.

Ich behaupte, dass unser Weltbild viel zu wenig aufgelöst und zu wenig umfassend ist, als dass wir mit Hilfe von Geld in der Lage wären, Werte auch nur einigermaßen realistisch zu beziffern. Das bedeutet aber auch, dass wir evolutionär scheitern werden, weil wir uns an Geld angepasst haben, und dies unsere Anpassung an die Lebensumgebung zunehmend behindert. Trotzdem steht am Anfang von allem das Nutzen bringen soll nicht nur die Finanzierungs-, sondern auch die Gewinnfrage.

Mit aller Gewalt wird an einem Schema festgehalten, das die Welt an den Abgrund führt, und das aus einem einzigen Grund. Das System basiert darauf zu nehmen, und alles, was dieser Intention dienlich ist, findet zum vermeintlichen individuellen Vorteil Anwendung. Um einen nachhaltigen Überlebensvorteil auszurechnen, sind unvorstellbar viele Daten erforderlich. Damit wird allenfalls die menschliche Intuition fertig, deren Output aus komplexen Mischeindrücken besteht. Der menschliche Verstand muss daran versagen. Nicht nur, weil weite Teile unseres Denkens gar nicht in Worte zu fassen sind, sondern auch, weil er nur mit Werten umgehen kann, die angelegt, die erfahren worden sind.

Web 2.0 spiegelt wider, was Menschen wollen. Für mich ist Social Aggregation nicht einfach nur ein Hype, sondern die Eroberung einer neuen Landschaft die genügend Raum für alle Menschen bietet das zu leben was sie sein wollen. Gute Ideen gehen regelmäßig an ihrer Kommerzialisierung zugrunde. Das Problem für die Wirtschaft ist nun, dass sich das, was Menschen wirklich wollen, nicht in ein lukratives Geschäftsmodell ummünzen lässt. Die Reaktion ist der Schrei nach Regulierung, welche die weitere „Geldgewinnung“ sicherstellen soll. Sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage, über Geld hinauszudenken? Die wahren Bedürfnisse nach Nähe, Austausch, Inspiration, Liebe und Glück sind nicht bezifferbar. Wer meint, sich einen Vorteil ausrechnen zu können, ist schnell durchschaut.

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