Miss-Selbstverständnis

Jemand hat einmal gesagt, das wahre Glück ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Damit wusste ich nichts anzufangen, denn ich war darauf festgelegt, dass ein Weg zu einem absehbaren Ziel zu führen hat, sonst macht der Weg ja keinen „Sinn“, und wenn ich kein Ziel habe, dann mache ich was falsch. Ab wann soll man eigentlich zielfähig sein? – Mit 10? 20? 30? 40? – Eigentlich hatte ich es mir ja mal so vorgestellt: Wenn ich genug über die Welt und die Vorgänge darin weiß, wird es schon aufhören, mit dem Suchen, mich Wundern und sich ein Ziel visualisieren. – Ich weiß offenbar immer noch nichts.

Über einen langen Zeitraum folgte ich dem semantischen Ruf jener Begriffe, deren Bedeutung für mich hoch war (Wissenschaften, Zukunftstechnologien, Nachhaltigkeit…). Und irgendwann wurde mir klar, der Weg ist ein Teil, wenn nicht sogar der wesentliche Teil, der Erfüllung. – Das Ziel, der Sinnesreiz, der „USP“ blieben vor heutigen Bestrebungen aber nur noch übrig, während Vor- und Nachwirkung ein Opfer der Instrumentalisierung wurden. Was will ich mit einem Ziel das keinen Bestand haben kann, weil ich darin nicht alles, was mich betrifft berücksichtige? – Das ist weit mehr, als ich verbalisieren kann. Doch Fühlen alleine ist ja kein Argument mehr.

Nach meinem Berufswunsch gefragt, wollte ich einmal „etwas machen, das mir Spaß macht“. Damit kannst Du doch kein Geld verdienen! Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder Spaß an seiner Arbeit haben will? Viele Dinge würden dann ja gar nicht mehr erledigt. Da frage ich mich im Gegenzug,wie kann es sein, dass wir diese „Dinge“ brauchen, wenn uns bereits deren „Produktion“ wenig begeistert? – Sieh zu, dass Du Geld „verdienst“. Was ist denn mein Verdienst an einer lustlosen Tätigkeit? Dafür muss ich nicht eine Sekunde lang eigenständig denken. Ich erkenne mich darin nicht. Und ich möchte wetten, die meisten Menschen auch nicht, wären sie ehrlich zu sich selbst. – Doch wer traut sich das schon? – Vielleicht ist die (Selbst)Lüge die größte Plage der Menschheit. Lügen lassen sich nur mit weiteren Lügen halten, das weiß jeder, der mal einen dieser vorhersehbaren Filme um Lügenverstrickungen gesehen hat. Mir waren die einfach unerträglich.

Mit Visionen kann ich etwas anfangen, denn ich habe gesehen was für ein Umfeld Menschen mit einer nachhaltigen Gesinnung schaffen können. „Klar definierte Zielen“ zu „meinem Vorteil“, sind mir zu – abgrenzend. Sie bringen die Menschen um ihr (Er)Leben, weil sie es darin zwar suchen – doch auf dem falschen Weg (bevorzugt dem kürzesten) niemals finden können. Der springende Punkt ist: Bei dem was wir wollen kommen wir eh nicht aneinander vorbei. Komplexität schwächt die Kontrolle, schon daher ist Vertrauen besser.

Im Moment sieht es danach aus, als hätte sich lineare Zielstrebigkeit evolutionär durchgesetzt. Mit weniger Werten rechnet es sich schneller ans „Ziel“. Und das ist m.E. genau der Fehler. Das Wohl jedes Menschen, wenn nicht gar jedes fühlenden Wesens, könnte ein Wert in unserem Willenssystem sein. Das fällt uns überhaupt nicht schwer, wenn wir uns selbst darin erkennen. Daher definiert sich für mich Überlebensintelligenz in dem Maß wie wir fähig sind, uns in Anderem zu erkennen. Damit fließen deren Werte ohne zusätzlichen rechnerischen Aufwand in unser Denken und Handeln ein. Technisch gesehen stellen sich mir Liebe und Vertrauen als Überlebensstrategie mit der höchsten Effizienz dar, und Mitgefühl als nachhaltigster Selbstschutz.