Das Maß aller Arbeit

Kaum ein Geschäftszweig saugt die Erkenntnisse der Gehirnforschung interessierter auf als das Marketing. Es eröffnen sich dadurch neue Wege, die Emotionalität und das Triebverhalten von Menschen noch gezielter anzusprechen, als das bisher der Fall war. Die Botschaft soll letztlich immer dasselbe bewirken, nämlich Kaufreiz auslösen. Vielfach endet das Denken an der Verkäuflichkeit von etwas. Die meist unerfreulichen Folgewirkungen sind vom *Konsumenten* zu tragen und zeigen sich später. Denn beim Verkaufen geht es vielfach nicht mehr um das Wohl des Kunden, sondern um *Gewinn*. Meines Erachtens bedürfen echte Werte keiner Inszenierung, weil sie aus sich selbst heraus wirken.

„Du weißt doch so viel über das Gehirn, warum gehst Du nicht ins Marketing?“, diese oder ähnliche Fragen wurden mir gestellt. Tatsächlich würden mir eine Menge treffender Werbeslogans einfallen, nur bin ich gar nicht motiviert, diese auf Produkte anzuwenden, die dem Menschen und seiner Lebensumgebung auf lange Sicht nur schaden und die er vielfach nicht einmal wirklich braucht. Es sträubte sich auch alles in mir, unser Projekt in wirtschaftlichen Kennzahlen zu rechtfertigen. Nun gehe ich immer davon aus, dass ein Gefühl das sich einstellt, einen informellen Hintergrund hat, und daher arbeite ich darauf hin, dass Emotionen und faktisches Wissen konsistent sind. Ich will wissen was ich fühle, und fühlen was ich weiß.

Ich gehe der Sache (in dem Fall dem unguten Gefühl) also nach, denn mein Gehirn weiß eine Menge mehr über das Universum, das Leben und alles als ich, schließlich bildet es geschätzte 15 Milliarden Jahre Entwicklung ab. Es gibt mehr als genug Erkenntnisse, an denen wir emotionale Ergebnisse überprüfen können und so zu einer differenzierteren emotionalen Bewertung gelangen, die wiederum unserer Intuition bzw. Mustererkennung zuträglich sein wird. Das bevorteilt sich gegenseitig und geht dann auch zunehmend schneller. Mit der Zeit versetzte ich mich außerdem immer häufiger in das theoretische Funktionsmodell kognitiver Informationsverarbeitung, um mein Gehirn nach dessen Schema anzuwenden, wobei ich natürlich nie so objektiv sein kann. Meine emotionale Beteiligung ist sogar sehr stark, daraus rekrutiert mein Denken nämlich seine Werte. 

Meine persönliche Hoffnung ist, dass das tiefe Verstehen intelligenter Prozesse (Intelligenz ist Anwendungssache) neue Perspektiven eröffnet, das Bewusstsein von der breiten Oberfläche wieder in die Tiefe führt, sich in den weiteren Entwicklungen stofflich manifestiert, und so unsere Zukunftsfähigkeit steigert. Vernetzung ist der Schlüssel, sowohl in uns, als auch um uns herum, indem wir Berührungspunkte mit anderen herstellen, nicht alleine um unseren Status zu ermitteln, sondern voneinander zu lernen, und uns im anderen zu erkennen.

Es gibt nur eine Richtung die uns in eine nachhaltige Entwicklung führen kann, und das ist die Verteilung der Relevanzen auf alle (Über)Lebensaspekte. Menschen sind davon ein Teil, denn durch Benachteiligung generiertes Unwohlbefinden hat das Potential zu einem destruktiven Umweltfaktor zu werden, zumal wenn sich die Benachteiligungen häufen. Die Relevanzenverteilung fängt aber schon im Fühlen an, weil das, was wir global abbilden dem entspricht, woran sich unser Denken orientiert. Hierbei zeigen sich eben auch die Lücken in der emotional-sozialen Vernetzung unserer Gehirne. Die Kluften die wir im Gehirn haben, wachsen aber exponentiell weiter, vergrößern immer schneller den Abstand zwischen Arm und Reich, und wir nennen das dann *Konsolidierung* oder *Optimierung*, diese bezieht sich einzig auf *mehr Geld* und *weniger Kosten* – ein evolutionäres Deadlock also.

Als ich mir vor acht Jahren die harmlose Frage stellte, was Intelligenz eigentlich ist, hatte ich nicht den Schimmer einer Ahnung, was sich auf der interdisziplinären Suche (von Verhaltensforschung und Evolutionsbiologie über die Relativitätstheorie bis hin zu Wirtschaft und Politik) alles erschließen würde. Obwohl die Zustimmung steigt, fand ich bis heute niemanden, der unsere Forschungen unterstützt – was nicht nur damit zusammenhängt, dass ich mich weigere, unsere Arbeit in wirtschaftlichen Kennzahlen zu rechtfertigen. Obwohl es nicht immer leicht war, nach acht Jahren Forschung geht es immer noch weiter. Gewinn bedeutet für mich mehr als *nur* Geld.

Die Kumulation von Geld an sich selbst schließt aus, dass neue Erkenntnisse und Entwicklungen allen zugute kommen können. Wenn sich aber beispielsweise nur wenige Menschen neue umweltfreundliche oder anders förderliche Entwicklungen leisten können, sind all die anderen gezwungen anzuwenden, was ihnen zum Überleben nur verbleibt. Die breite nachhaltige Wirkung bleibt dann aus.

Ich höre manchmal, dass ich schreibe, was andere *immer schon fühlten* oder *wussten*, aber dafür keine Worte fanden. Daher sehe ich mich unter anderem auch als Schnittstelle zwischen *Rationalität* und Emotionalität, zwischen Faktischem und Spirituellem, da ich beide sehr gut nachvollziehen kann – alleine das Finden der Worte bereitet mir Denkarbeit, die eigentlichen Folgerungen sind nahezu reine Intuition (jedoch an Fakten geprüft). Die *Übersetzung* bewahrt mich nun nicht davor, fallweise den einen oder anderen womöglich wichtigen Aspekt zu übersehen. Für diesbezügliche Hinweise bin ich dankbar.

Die Erkenntnisse aus der Gehirn- bzw. Kognitionsforschung sind für alle Lebensbereiche relevant, auch Bildung, Wirtschaft und Politik. Alles was wir tun basiert letztlich darauf, was sich in unseren Köpfen abspielt. Mein Wunsch ist, das Wissen darüber dafür anzuwenden, jene Dinge relevant zu machen, die wirklich wichtig sind (die eigentlichen Werte, nicht das, was sie lediglich beziffert zum Beispiel) und der persönlichen wie gesellschaftlichen Entwicklung förderlich. Was das für jeden im Detail ist, darüber gibt die Qualität der Ausschüttungen des Gehirns Aufschluss. Es erkennt den Unterschied zwischen Füllen und Erfüllung, doch müssen die adäquaten Erfahrungen dazu gemacht werden. Aus dieser Haltung heraus entstand schließlich der Slogan *das Maß aller Arbeit ist das Wohl des Menschen*.

Ich bin durchaus für Marketingmaßnahmen zu haben, zugunsten des Menschen, seiner Lebensumgebung, seiner Zukunftsfähigkeit. Hierbei geht es nicht um Manipulation durch vorsätzliche Relevanzveschiebung oder anderen was vormachen, sondern um die Bewusstmachung all dessen, was es in Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung zu gewinnen gibt.