Freiheit oder was wir dafür halten

Das höchste Gut, für das auch schon Menschen bereitwillig in den Tod gingen und das mit Grund an der Spitze des gesellschaftlichen Strebens der Mächtigen steht, wird missverstanden und vor allem die Frage falsch eingeschätzt, in welchem Maß Freiheit real gegeben ist.

Wert auf Freiheit zu legen ohne zu wissen, um was es sich dabei genau handelt, kann zwar Zielrichtung sein aber kein erkennbares Ziel. Also stelle ich mal in den Raum, was Freiheit überhaupt ist.

Liberal zu sein heißt, auf Freiheit großen Wert zu legen, sei es die eigene oder die der anderen. Tun zu können, wonach es einem beliebt, lässt das Missbehagen nicht aufkommen, beschränkt zu sein. Der Wunsch nach Freiheit ist ein Trieb, einer von vielen, dafür aber ein sehr grundlegender. Schränkt die Umgebung den Wirkungsbereich des Wesens ein, endet dessen Freiheit genau an dieser Stelle.

Dass der Duden an so grundlegenden Begriffen weitgehend scheitert und sich im Wesentlichen damit behilft ihn am Gegenteil oder Verwendungsbeispielen in Aussagen zu erklären steht repräsentativ für die allgemein vorliegende Dissonanz zwischen der Klarheit der Empfindung und der unklaren Feststellung. Wir fühlen, wenn wir frei sind, können aber nicht genau sagen, was das bedeutet und worauf sich dieses Gefühl bezieht.

Es ist Ausdruck evolutionärer Gegebenheiten. Es entstand im fühlenden Säugetier wie alle anderen Gefühle zur Bewertung eines ihm vorliegenden Sachstands. Freiheit wurde aber bereits in Anspruch genommen, als das Wesen noch nicht fühlte. Da bestand sie im Raum, in den (hinein) sich das Wesen entwickeln und darauf wirken konnte. Entfaltungsspielraum.

Der Raum, den das Wesen bereits körperlich einnimmt, gehört nicht zum Freiraum. Die Abtrennung eines Gliedes würde nur dann als Befreiung erlebt, wenn der Verzicht darauf beschlossen ist, das Körperteil nicht mehr als zugehörig anerkannt ist. In der Moderne lösen wir uns so ganz leicht von der Milz oder der Gallenblase, schenken uns und ihr die gegenseitige Freiheit, womit der Restmensch mehr anfangen kann als die Milz. Hat sich ein Körperteil in einer Umgebungsstruktur arretiert und ist die Stellung nicht zu lösen, ändert sich nicht etwa der Freiraum sondern der Wirkungsbereich, den der Gefangene bestreichen kann. Freiheit wird entzogen, indem die Fortbewegungsfähigkeit eingeschränkt wird. Und hier gelangen wir auch an den Kern der Bedeutung von Freiheit.

Bereits ein Krabbelkäfer fällt in Aktionismus, wenn ihm das passiert weil in ihm solches Verhalten als nützlich verankert ist. Er riskiert dann leicht mal ein Bein um sich wieder dorthin begeben zu können, wohin es ihn treibt und von dort weg, wo er bedroht ist. Es handelt sich um die beiden wesentlichen Lebensaspekte, die mit der Mobilität in die Entwicklung eingebracht wurden.

Bevor sich die Zellen bewegen konnten bedurften sie nur des Freiraums in den sie hineinwuchsen. Erst die Beweglichkeit konnte den zur Verfügung stehenden Raum nutzen also nach ihm streben. Es ist festzustellen, dass dieses Merkmal nicht unbedingt als die erfolgreichste Variante einzuschätzen ist. Der Bewegungsapparat ist entgegen pflanzlicher Funktionalität unökonomisch. Das schlägt sich evolutionär in Artenvielfalt und Anteil am Vorkommen nieder. Tierisches Leben ist gemessen daran weniger erfolgreich.

Aber so sind wir nun mal, das können wir uns nicht mehr aussuchen. Und misst man in Potential, hat ein Kaktus einer Atomrakete wenig entgegen zu setzen. Die Freiheit, ihm damit zuzusetzen hat sich die Krone der Schöpfung schon mehrmals nehmen zu dürfen geglaubt.

Die vom Säugetier erkannte Freiheit bezieht sich in erster Linie auf den dreidimensionalen Raum. Die Fähigkeit, beispielsweise in die Zukunft zu manövrieren oder einen virtuellen Raum zu betreten, ist erst dem Menschen gegeben. Das Tierische aus dem er besteht, berücksichtigt die Zeit und das was sein könnte nur in soweit, als die erblich übertragenen Eigenschaften auch auf Dauer und im Wandel der Gegebenheiten tauglich sein mussten und sich diesem Erfordernis angepasst entwickelten. Selbst wenn multidimensionaler Zugriff auf weitere Ebenen möglich ist, fangen wir alle erstaunlich wenig damit an.

Das fühlende Tier bewertet nur, was sich ihm aktuell vorstellt. Freiheit an sich nimmt es so nicht wahr sondern allenfalls, was es in diesem Rahmen für sein Wohlbefinden *tun* kann. Das ist (in der Basis) nur zu einem Teil vom Raum abhängig in dem das geschieht und nutzlos, wenn nicht das Potential vorliegt, ihn auszufüllen. Damit ist erklärt, warum dem Potenten am Freiraum mehr liegt als dem, der darin nichts tun kann.

Spürbar wird Freiheit, wenn sie hinzukam, Beschränkung wegfiel. Befreiung ist das angestrebte Gefühlserlebnis, das uns so gelungene Trieberfüllung signalisiert. Davor war nicht notwendigerweise der Raum beschränkt. Der Zugewinn einer Fähigkeit also die Steigerung des Potentials kann für die Wahrnehmung der Freiheit ursächlich sein. Dann ist aber Machtgewinn zu verzeichnen, der Freiraum war schon vorher da. Darüber hinaus kann die Beschränkung auch in der Wahrnehmung selbst gelegen haben. Freiraum der unerkannt ist, bleibt unbemerkt. Ihn zu entdecken eröffnet ein Feld, das für uns frei ist, weil eben noch unbetreten.

Sobald man Potential und Freiraum differenziert, tritt auch deutlicher hervor, worauf sich der Schrei nach Freiheit wirklich bezieht und wie sich die beiden Aspekte auswirken. Uraltes Machtstreben liegt zugrunde, der Wunsch den Einfluss auf die Umgebung zu steigern um relevant zu sein, mehr Bedeutung zu haben. Das ganze Universum steht uns offen und doch nicht die Fähigkeit, uns zum Mars zu begeben. Die Freiheit haben wir und den Wunsch wohl auch. Also streben wir nach dem Erlangen des Potentials. Die ersten (erfolgreichen) Mars-Expediteure werden eine neue Marke menschlicher Macht aufzeigen, mit der wir uns alle besser fühlen, weil wir es dann offen-sichtlich sind. So ähnlich war es schon mal.

Als Lebewesen, die nur situativ und im Vergleich (also immer relativ) bewerten, fällt es uns kaum auf, dass wir sowohl den Freiraum als auch das Potential auf Pump wahrnehmen bzw. ausüben. Die Freiheit, unsere Umgebungsbedingungen so stark zu beeinträchtigen, dass der menschliche Fortbestand auf absehbare Zeit in Frage steht, haben wir eigentlich gar nicht. Damit handeln wir gegen die oberste Direktive, genau das Gegenteil zu tun, nämlich ihn zu gewährleisten.

Für den Einzelnen kann die Steigerung der Macht gewinnbringend sein und denkt man in größeren Dimensionen ist das auch der richtige Weg, Erfordernissen zu begegnen, die wir jetzt noch nicht mal erkennen können und die viel von uns verlangen werden. Dabei den Planeten abzusägen, auf dem man sitzt, ist sicher unvernünftig. Unterstellt, dass die Verursacher vernunftbegabt sind, darf man Kalkül vermuten.

Für die Macht (Potential*Wirkungsraum) die sie einfordern, versprechen genau diejenigen die am meisten davon haben im Gegenzug Wohlstand, das ist Wohl*(Be)stand. Der gegebene Wohlstand wird ermittelt, indem man das Wohl (die Summe dessen, was erlangt wurde) durch die Anzahl der Menschen dividiert. Dabei stellen wir eine stabile Steigerung fest.

Bisher war diese Milchmädchenrechnung leicht aufzupolieren, indem man nur den Humanbestand eines erfolgreichen Wirtschaftsraums heranzog. Die Globalisierung macht einen Strich durch. Zum einen ist der Gesamtbestand heute besser wahrnehmbar und zu beziffern und zum anderen begeben sich die Menschen aus ärmeren Gebieten dorthin, wo die Verteilung des Wohls gemessen wird, weil stattfindet.

In der Folge kippt das Bild. Dass der Wohlstand steigt während es den Menschen überzählig ökonomisch, ökologisch, sozial und psychisch/seelisch schlechter geht, ist eine problematische Gesellschaftssituation, die zwar jeder langsam anerkennt aber mit unterschiedlichen Methoden behandelt.

Der kleine Mann, seine Frau und sein Kind verzichten zunehmend auf Freiheiten, die sie sich nicht mehr leisten können. Davon sind die Kirchen und Glaubensgruppen betroffen, denn es wurde nicht alles gut, wie es versprochen war. Sie ließen ihre Schäfchen im Trockenen sitzen und erkennen erst jetzt, dass die aus Fleisch und Blut bestehen.

Die Wirtschaft wünscht sich wie immer mehr Freiheit im Markt, das habe schon seit jeher zu geringerer Arbeitslosigkeit, höherem Wohlstand und fairerem Wettbewerb geführt. Auf welchem Planeten bitte?

Das kann nur dann so sein, wenn es neue Berechnungsmethoden gibt, die es der Politik wieder erlauben, Erfolg darzustellen, sonst will sie keiner mehr. Womit wir wieder beim kleinen Mann sind, der bald auch nur noch tut, was die anderen vormachen: Masturbieren, nutzlose Trieberfüllung bei geringstmöglichem Einsatz und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.

Zur Unterstützung erhält er günstig Essen (nicht etwa Lebensmittel), Home Entertainment und mobile Kommunikation. Bildung ist so gefährlich wie Bewusstseinserweiterung, dagegen hilft Alkohol. Den Beschnitt seiner Freiheit merkt er nicht so stark, wenn man ihm keinen Anlass gibt, sich aus dem Fernsehsessel zu erheben. Für den Weg zum Arbeitsplatz, der klar gesehen eh’ keine Zukunft hat, gibt es die Viehtransporte der DB. Die Autobahnen sind dann wieder frei für Boliden, die sie auch ausfahren können.

In dem Zusammenhang wird man sich vielleicht noch an die Diskussion um die Luftreinhaltungsabgabe erinnern, die verbrauchsstarke Fahrzeugtypen *benachteiligt*. Man müsse schließlich an die Arbeitsplätze denken, die davon betroffen wären, wenn es plötzlich weniger dicke Autos geben soll. Es wurde vergessen anzumerken, dass es dann mehr dünne gibt, was unter den Rohstoffbedingungen auch nur noch eine Frage der Zeit ist. Die wird viel schneller kommen als man glaubt, da sich Transportkosten auf alle materiellen Güter auswirken. Jedes Weniger davon wird kumulativ immer bedeutender. Damit können wir gar nicht zu früh oder zu massiv beginnen.

Kosten sind nur eine Ausdrucksform von Aufwand. Der steigt mit der Knappheit und der Bedarfsmenge. Der freie Markt bevorteilt die Kriegsgewinnler, die sich den Umstand zunutze machen, bevor er überhaupt Realität wird. Sie greifen den Fakten vor. Leid tragen die, die nicht an der Quelle sitzen oder/und die Hand drauf haben. Darum befinden wir uns wieder oder immer noch mitten in einem Territorialkampf über den wir nach aller Erfahrung sagen können, dass er in einem Gemetzel mündet. Auf welcher Ebene wir das abfeiern (entwickelter bis hin zu ursprünglicher), hängt davon ab, wie viel Freiraum wir zerstören müssen und wie viel Potential dabei verschwenden, bis wir erkennen, dass beides dabei verloren geht. Ein armer Mensch kauft wenig Produkte, ein toter gar keine.

Je weiter man nach rechts geht, ins Schwarze also, umso eindeutiger wird dem einzelnen Menschen ein Lebensrecht zugemessen. Das geschieht durch die Leute, die es sich erlauben können. Wer von jemandem abhängig ist, wird es ihm nicht streitig machen. Unabhängigkeit ist also die notwendige Ausgangslage, auf jemanden verzichten zu können.

Wollen wir in unserer Gesellschaft hochpotenten Leuten auf ihre Forderung hin noch mehr Unabhängigkeit zugestehen, als sie uns ohnehin schon abverlangen? Und zwar nur auf das Versprechen hin, dass der Wohlstand dabei ansteigt, sei es auch nur der der Wenigen, die sie nicht für verzichtbar halten? Verfügen sie über so viel Scharfblick und Weitsicht, darüber treffend befinden zu können? Seit wann und woher?

Es handelt sich um dieselben, denen wir zu verdanken haben, dass atmen jetzt Geld kostet. Wer davon genug hat, kann frei durchatmen. Was machen wir mit denen, die es sich nicht auf Dauer leisten können? Luft ist jetzt ein Produkt, es wird in der Qualität wieder ansteigen aber auch im Preis. Bis der sich im Wettbewerb einpendelt, dann ist der Markt uninteressant und das Produkt wird degeneriert, es muss ja Spaß machen, sonst macht man es nicht, oder?

Unabhängigkeit, Ungebundenheit und Unbeschränktheit wünschen sich Terroristen und Amokläufer auch, respektive machen sie ‘was draus. Das Potential den Menschen massiv zu schaden spielen sie wie die anderen aus. Die Freiheit nehmen sie sich von denen, die abhängig sind, gebunden und beschränkt. Das ist genau dort sehr schön zu beobachten, wo darüber befunden wird, ob jemand seine Freiheit zu Ungunsten der anderer ausdehnte, vor dem Gesetz.

Freiheit wird nur im Unterschied zur Unfreiheit erlebt. Damit ist programmiert, dass die Grenze ausgelotet sein will. Wer wenig zu befürchten hat, übertreibt damit leichter. Der Spielraum, den er sich so erstritt gebührt ihm vielleicht gar nicht. Tja, verklag’ ihn doch.

Sprich mit Deinem Anwalt und Du bist desillusioniert. Geh’ zur Bank, die husten Dir was. Dann kommen die Anwaltsschreiben von der Gegenpartei, Du bist terrorisiert. Auf hoher See und vor Gericht an Land befindest Du Dich in Gottes Hand. Gott ist aber tot.

Da dies niemand auf sich nimmt, der beschränkt, gebunden und abhängig ist, verfügt in diesem unserem freien Markt der Potentere schon über erheblich mehr Freiheit, als geschrieben steht. Damit ist er aber nicht zufrieden, wird es nie sein. Also macht es auch keinen Unterschied, ob man ihm neue Freiheiten zugesteht, morgen steht er wieder da. Es nicht zu tun oder gar das Gegenteil ist hingegen Schadensbegrenzung.

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