Die Verdrängung des gesunden Menschenverstandes

Ein Verstand kann nur so gesund sein wie der emotionale Unterbau es zulässt. Um die Komplexität des Denkens zu vervielfachen, bedarf es eigentlich nur weniger neuer Werte. Die Grundwerte die unser Denken lenken kommen aus dem Triebsystem, und je nachdem wie intensiv die emotionale-soziale Verarbeitung ist, wird vom Bewertungssystem stärker differenziert oder weniger, machen wir uns Entscheidungen leicht, oder grübeln lange darüber nach. (Mit)Gefühl und soziales Gewissen sind die Pufferzone zwischen Reiz und Triebhandlung, und die wurde zurückentwickelt, weil Geld anstelle der Soziologie trat, die ebenfalls die Erfüllung aller Triebe gewährleistete, und einen weit höheren Anspruch an das Individuum stellt als sich seinen Vorteil einfach nur auszurechnen. Wir können eigentlich gar nicht mehr wissen, was das ist, ein “gesunder Menschenverstand”. Diejenigen die wir dazu befragen müssten, werden von uns allenfalls belächelt, weil das Streben nach Besitz und Herrschaft ihnen fern liegt.

Unser Verstand (dessen Datendurchsatz ja immer noch gleich klein ist, nämlich etwa 50 Bit / Sekunde) geht so vor: Er verknüpft einen Wert mit einem Symbol, und die weitere Entwicklung befasst sich nur noch mit dem Symbol und dessen Abstraktionen, aus denen wiederum neue Abstraktionen abgeleitet werden und so fort. So verloren wir die Bezüge zu den eigentlichen Werten, den Boden unter den Füßen. Vernunft hätte dies (vielleicht) verhindert, doch Vernunft bedarf einer hohen Wertebandbreite, damit sie überhaupt die “Mitte” trifft.

Das Geldsystem ist des Menschen Kind, etwas, das aus menschlichen Beweggründen hervorging, und diese abbildet, bzw. verstärkt. Die ersten Werkzeuge waren bereits Triebverstärker, wohingegen der Geldtrieb alle Triebe zusammenfasst, nicht zustätzlich zum, sondern anstelle des Sozialtriebes trat, der war ja “unprofessionell” und wurde in den Bereich “privat” und “Freizeit” verdrängt, wo er seinen Zweck, nämlich uns nachhaltig zu bevorteilen, aber nicht mehr erfüllen kann. Es geht in der Wirtschaft nur um Dinge die Triebe erfüllen. Etwas darüber hinaus ist kein Wirtschaftsfaktor mehr, sondern eher das Gegenteil, denn Mitgefühl und soziales Gewissen sind Hemmfaktoren.

Triebe sind allerdings auf Grund der platzsparenden Instinktmuster denen sie gehorchen, ziemlich einfältig, weil sie nur vage differenzieren können. Beim Geldsystem hingegen geht es darum so viel wie möglich davon zu bekommen und so wenig wie möglich davon wegzugeben. Nennt sich “Gewinnmaximierung”, “Rationalisierung”, “Optimierung” oder “Konsolidierung”, führt aber auf Grund der extremen Reduktion der jeweiligen Betrachtung mit zunehmendem Aktionspotential immer schneller zum Exzess (wie bei einem betriebsblinden neuronalen Netz).

Die neue Aufklärung die uns bevorsteht, wird ziemlich ernüchternd werden, bevor wir die Chancen erkennen, die in unserer Funktionalität stecken, unserer herausragenden Fähigkeit emotional zu differenzieren mit Hilfe von Mitgefühl und sozialem Gewissen, sofern wir es denn anwenden. Das Leben (er)fordert den ganzen Menschen. Das Geldsystem hingegen nur einen geringen Teil. Wie soll das reichen, unserer und der Komplexität unserer Lebensumgebung zu entsprechen? – Die Rechnung kann gar nicht aufgehen, und das wird sie auch nicht.

Geld müsste eigentlich wie ein Peer-to-Peer-Netzwerk funktionieren, ohne Verpuffer von Potentialen, die keine Leistung erbringen. Und auf Pump zu leben sollten wir ganz schnell wieder vergessen. Die Erde nimmt keine Zinsen. Was zu viel entnommen wird, regeneriert sich schlicht nicht mehr. Was Geld niemals sein kann: ein Ziel. Denn dann ist bereits alles andere Nebensache, wie beispielsweise die Qualität dessen, was man anbietet. Schaden oder Nutzen werden im Vorfeld bereits in Geldsummen definiert und nicht darin gesehen, was man für Geld anrichtet oder Neues schafft. Darauf aber kommt es letzten Endes an.

Wir verbrauchen so viel weil es da ist (um die Wirtschaft zu füttern), nicht weil wir es benötigen. Wäre weniger da, würden wir weniger verbrauchen, und nicht einen Deut mehr vermissen als jetzt. Im Gegenteil, was wir sehr bald vermissen werden ist all das, was wir unwiederbringlich vernichtet haben, um es zu „verkaufen“.

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