Die Frage nach dem freien Willen

Oft wird uns in letzter Zeit dargelegt, dass soetwas wie ein freier Wille gar nicht existiere, sondern wir stattdessen Marionetten unserer physiologischen Gegebenheiten seien, auf Basis derer wir agieren und eigentlich nur reagieren.

Ich kann mir die hysterische Reaktion auf diese Tatsache nicht anders erklären als mit dem individuellen Eindruck der Entleibung. Das offenbar gewordene Kontrolldefizit wird ungern akzeptiert.

Bereits das Wort “Organismus” drückt aus, dass es sich um einen organischen Mechanismus handelt. Er ist evolutionär entstanden, das heißt, dass neue Funktionalität auf bestehender basiert. So hört es sich für mich nicht auf Anhieb verwunderlich an, dass wir entstanden aus Einzellern die im Wasser schwimmen ein Reiz-/Reaktionsgebilde aus chemischen Zusammenhängen sind.

Als Nervenzellen entstanden, kamen elektrische Signale dazu und es entwickelten sich weitere Sinnesorgane und daran gekoppelt die Triebe. In der Folge sind wir also Wesen, die auf sensorische Eindrücke reagieren und dabei von Trieben gesteuert werden.

Das Gehirn ist der Ort an dem Reiz und Reaktion auf die Trieberfüllung ausgerichtet werden. Um die Mischung der Eindrücke und die Mischung der Triebforderungen in Einklang also zusammen zu bringen, vererbten unsere Urwesen dort die Funktionalität der Instinkte. Hier werden Muster erkannt und gespeichert, die auf Erfüllung ausgerichtet sind und dem Lebewesen eine differenziertere Reaktion auf Basis von übertragbaren Erfahrungen erlauben. Das macht aus uns ein Instinkt-gesteuertes Wesen.

Differenzierte Reaktion bedingt differenzierte Bewertung. Von der körperlichen Befindenssensorik erhalten wir die Bewertung zu einem Eindruck in der abgeschwächten Form des Erlebnisses, das die Erfahrung prägte, bei unseren Ahnen oder in uns. So sind wir also auf die Bewertung unserer Emotionen angewiesen.

Der emotionale Musterabdruck wird der Situation beigesteuert noch bevor diese ihre Wirkung entfaltet: Ahnung. Verknüpft mit der emotionalen Ahnung werden jetzt die Daten einer Erinnerung, die dafür ursächlich waren. So entsteht Vorstellung, daraus Vision und hieraus spätestens das, was uns zum Menschen macht: Ziele, Wünsche, Phantasie.

Körperreaktionen die im Anderen verursacht werden, sind für uns lesbar. Ursache und Wirkung verschwimmen hier. Zum einen dienen sie der subjektiven Mitteilung andererseits ist damit auch der Transport individueller Gefühlseindücke möglich: Kommunikation. Streng genommen ist aber schon der Transport von Ladung zwischen Nervenzellen Kommunikation.

Sprache erlaubte schärferen Informationsaustausch und Modelle platzsparender Speicherung. Erst jetzt sind wir ein Verstandeswesen, worin sich nach der Ansicht vieler der freie Wille hätte befinden sollen.

Die Fähigkeit, das Wort an sich selbst zu richten und damit die Existenz der eigenen Person anzuerkennen (Bewusstsein), ist keineswegs die Quelle des Willens. Wir wollen, was wir sehen, fühlen, hören, riechen, schmecken. Die Vision solcher Eindrücke bestimmt unser Handeln. Daran ist das komplette Wesen beteiligt und sein Wille ist so frei, wie sich seine Funktionalität an der Umgebung orientiert.

Stellt man einen Mechanismus oder Organismus in einen definierten Raum, wird er sich auf Basis seiner und dessen Funktionalität darin verhalten. Das gilt auch im Miteinander mehrerer.

In letzter Instanz gilt das auch für die hypothetische Präsenz, die sich den meisten (!) von uns als der Kern menschlicher oder aller Existenz vorstellt: die Seele. Sollte sie grundlegender Antrieb unserer Form sein, wirkt ihr Einfluss auch nur im Zusammenspiel mit dem restlichen System. Nach wie vor wird unsere Persönlichkeit, also die wahrgenommene Manifestation unseres Strebens (Wille) von der Wirkung aller Komponenten bestimmt, seien uns das Spektrum und die Wirkungsweise auch noch nicht vollständig bekannt.

Freiheit ist der Zustand von Unabhängigkeit, aus dem Unbeschränktheit hervor geht. Im Kräftenetzwerk des Universums gibt es diesen Zustand nicht. Jeder Bestand bezieht seine Wirkung auf die seiner Umgebung, passiv, aktiv und reaktiv. Alles ist relativ, zumindest soweit es von Menschen verstanden werden kann. Denn jeder Mensch kann sich nur in Relation zur Umgebung begreifen, die sich ihm oder er sie sich vorstellt.

Dem erkannten Verlust der Selbstkontrolle steht keine Kontrolle gegenüber, die wir schon irgendwann gehabt hätten. Stattdessen sind wir ein Wesen, das sich wohl intelligent aber letzlich nur chemisch, elektrisch, triebhaft, instinktiv, emotional und sozial entscheidet. Der Verstand ist nur ein Programm, das in diesem Organismus arbeitet. Das Maß an Selbstdisziplin legt fest, wie entscheidungsrelevant er zum Einsatz kommt. Dieses Maß wird schonmal vom Rest unserer Person festgelegt, allerdings auch auf Basis von Ergebnissen aus Überlegungen.

Wo darf der Wille also entstehen, wenn er frei sein soll? Orientierte sich ein Mechanismus nicht an seiner Umgebung, wäre seine Funktion obsolet.

Vielleicht ist der angenommene Verlust der Kontrolle in Wahrheit ein Verlust der Identität. Nach meiner Betrachtung gewinnt die Identität von der Komplexität des Organismus’ an Individualität und Bandbreite. Die Erkenntnis (also Anerkennung) von unseren grundsätzlichen Wirkungsparametern macht uns reicher und mächtiger.

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