Die Degression der grauen Zellen

Antwort auf TAZ-Kommentar: der Wahnsinn aller („Was aber brauchen wir ganz bestimmt nicht? Blogs etwa, in denen man bloggen kann. Oder gar das Twittern; vom Chatten in Quatschräumen (Chatrooms) ganz zu schweigen. Im Grunde brauchten wir eigentlich noch nicht einmal zu wissen, worum es geht, denn vermisst haben wir das alles ja bislang ohnehin nicht“)

Die Philippika sei kein Plädoyer gegen die Nutzung des Internet. Der Autor stuft seine Beitragsform selbst als Angriffs- Brand- oder Kampfrede ein. Das darf überzogen sein, und meine Reaktion ist daher auch nicht als Entgegnung gedacht. Der Beitrag inspierte mich dazu, etwas über meine Sicht von Netzaktivitäten zu schreiben.

Dass die Inhalte von vielen wenn nicht gar aller Blogs kritikwürdig sind, dagegen ist nichts zu sagen. Die Kritik findet ja statt. Es geht nicht um das Medium, sondern um die Inhalte. Eine Entwicklung in die Untauglichkeit zu verweisen, die von so vielen Menschen getragen wird, käme Realtitätsverlust gleich. Mit 50 Plus seid ihr außerdem noch zu jung, Blogs, Twitter und andere Social-Web-Anwendungen auszulassen :-).

Ein menschliches Gehirn kann ein Leben lang lernen, sofern kein Gebrechen das verhindert. Wenn es allerdings nur die anderen tun und man selbst nicht, kann einen das in arge Verlegenheit bringen, zum Beispiel nicht zu erkennen, dass man im Netz so viel Volumen haben kann, wie man selbst bereit ist zu füllen. Nicht nur Eliten wünschen sich Bedeutung zu haben, sondern jeder Mensch. Und was war Veröffentlichung je anderes, als Selbstdarstellung, die sich wohl sachlich äußern kann, aber keineswegs immer so daherkommt?

Ich kenne Menschen jenseits der Fünfzig die hervorragend mit Web 2.0 zurechtkommen, in diesem neuen Freiraum regelrecht aufblühen und auf Grund ihrer Lebenserfahrung sehr viel mitzuteilen haben. Starrheit ist keine Frage des Alters sondern der Haltung, wobei ich nicht beurteilen kann, in wie weit bei manchen Menschen physische Faktoren daran beteiligt sind, die auch mit ursächlich für das Bedürfnis sind, sein verkrustetes Modell auf andere zu übertragen.

Was ist falsch daran, sich seine eigene Meinung zu bilden und kundzutun, statt jene von Meinungsbildnern einfach zu schlucken wie es bisher üblich war? Information wurde viel zu lange passiv konsumiert. Heute wird sie aktiv mit gestaltet, und ja, sie muss nicht immer richtig sein. Auch Nicht-Journalisten sind fehlbare Menschen.

Wie man am Gesamtergebnis sehen kann – Systemkrise – hat der bisherige Informationsfluss nicht gereicht. Das Vertrauen zu denen, die zu uns sprachen, ist nicht von ungefähr schwer angeschlagen. Zu einem beachtlichen Anteil waren dafür Werbeaussagen ursächlich, die Medien uns überbrachten. Natürlich mussten sie mit den Inserenten nicht einer Meinung sein, aber wären die auf hehre Kritik ihres Botschaftenmediums gestoßen, hätten sie kein Geld für Inserate bezahlt. Die meisten Blogs müssen nicht finanziert werden, und wenn wer „zensiert“, dann ist es nur der Autor selbst, und nicht der Chefredakteur oder Verleger. Mancher mag sich der Verantwortlichkeit noch nicht bewusst sein, die damit verbunden sein kann. Die aber teilt er sich immerhin mit vielen, was wiederum das Risiko streut. Niemand der sich mit Blogs befasst, liest schließlich nur ein Blog.

Vielfalt – oder die Verteilung von Relevanzen – gefällt vielen nicht, die bisher mehr oder weniger unbehelligt auf der erlangten Stufe in der Hierarchie ihrer Zunft hockten. Ihre Existenzberechtigung kann aber nicht darin bestehen, ihre Position zu halten, indem sie ihre Potentiale dazu aufwenden, die Potentiale anderer auszuhebeln oder pauschal abzuwerten. Das wäre unprofessionell und keineswegs zielführend, sondern reiner Selbstzweck. Der Sinn von Machtpositionen in einer Demokratie ist es, Probleme die alle betreffen zu lösen. Wenn sie das nicht bewältigen, muss mehr Potential und Beteiligung eingebracht werden, und das erfordert logischerweise mehr Menschen.

Das Stromsparargument verstehe ich nicht ganz. Stattdessen dem Fernsehen zu frönen verbraucht ebenfalls Strom – und Zeitungen drucken ist auch nicht ohne. Jeden Tag könnten Millionen von Tonnen Papier eingespart werden, gäbe es nur noch Onlinemedien, klimaschädliche Transporte entfallen, Urwälder stehen bleiben, und die ganze Verarbeitungsmaschinerie eingestampft werden, die da noch am Papier dran hängt.

Wenn die Bedeutung anderer Menschen zunimmt, noch dazu auf dem eigenen Feld, relativiert sich die eigene Position oberflächlich betrachtet zu eigenen Ungunsten. Andere hingegen sehen die Mehrbeteiligung als Ver- und Bestärkung. Wo soll da mehr Wahnsinn sein also vorher? Vernunft war es mal sicher nicht, die uns in die Krise führte. Ein breiteres Spektrum von Meinungen, Ideen und Initiativen ist noch das Beste was uns passieren konnte, in einer Zeit, in der wir lernen müssen, grundlegend umzudenken. Je mehr klassische Medienvertreter gegen Blogs, Twitter & Co wettern (habt ihr uns sonst wirklich nichts mehr zu sagen?), umso interessanter werden diese außerdem. Denn solche Töne würde man kaum hören, witterten jene die sie hervorbringen, kein nie gekanntes Veränderungspotential, das die bisherigen Methoden abzulösen droht.

Oh ja, das IST das reale Leben.

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