Kunst der Kognition: die Mitte treffen

(Bewusstes) Denken ist der selbstgelenkte Umgang mit dem verbal erschlossenen Bruchteil des Wissens des Gehirns. Der bewusste Gedanke ist nur die Oberfläche, die Spitze des Eisbergs, das Fazit. Wenn es darum geht, Bereiche unserer Informationsverarbeitung zu verstehen, die dem Verstand nicht vordergründig zugänglich sind, kommt gerne der Einwand, das sei zu philosophisch, esoterisch oder mystisch.

Dabei handelt es sich bei unseren intuitiven Fähigkeiten um eine ganz natürliche Funktionalität eine der großartigsten Erfindungen der Natur, dem menschlichen Gehirn. Worte aneinanderzureihen und damit Sinnbilder zu übertragen ist nur ein kleiner Teil dessen, was unser Gehirn kann. Der eigentliche Gehirncode liegt tiefer, und natürlich ist er averbal. Was auf der Ebene wahr-genommen wird, kann bestenfalls komprimiert übertragen werden, schon daher, weil es für die lineare Verarbeitung (Verstand) viel zu datendicht ist. Intuition ist die geeignete Methodik mit Komplexität umzugehen. Und diese wiederum hat sehr viel damit zu tun, wie wir (mit)fühlen. Man hat dann ein “Gespür” für was, ein Gefühlsbild, das verblüffend konkret werden kann. Manche Menschen lösen damit komplexe mathematische Aufgaben.

Unser Gehirn ist nicht als objektive Faktenkopiermaschine konzipiert. Orientierung durch Fühlen ist geradezu die Essenz des Konzepts. Fürs Rechnen haben wir Computer, so dass wir uns der aus Subjektivität hervorgehenden Individualität und Vielfalt erfreuen könnten. In einem Universum unzähliger Unds, reiben wir uns stattdessen an Entweder-Oders auf.

Zweifelsohne sind aus unserer Fähigkeit scharf zu denken und zu modellieren erstaunliche Entwicklungen hervorgegangen. Doch der Wohlbefindensindex der Menschheit ist damit nicht gewachsen. Der Börsenindex ist uns außerdem viel wichtiger. Um dasselbe Wohlbefindensniveau zu erhalten, werden die Anstrengungen immer größer, und damit sinkt der Zugewinn auch gleich wieder, immer schneller.

Hierarchisches Denken (Verstand) befördert hierarchische Strukturen. Ganzheitliches Denken (Intuition) muss hingegen nicht so selektiv sein. Stell Dir Intuition (die ganzheitliche Landkarte des Gehirns / virtuelles Abbild der Welt) als (je nach Bandbreite großer Teil einer) Zielscheibe vor. Der Punkt auf den der Pfeil trifft, ist der relevanteste Verarbeitungsrest, der sich über den Verstand als bewusster Gedanke manifestiert. Manches Gehirn weiß überhaupt nichts mehr von einer Zielscheibe, zum Beispiel wenn es grade mal einen winzigen Ausschnitt der Welt kennt. Folglich weiß der Verstand nichts darüber, wie nahe an der Mitte sein Schuss treffen wird, und ob überhaupt. Die Mitte berücksichtigt die ganze Scheibe (innere und äußere Welt), ohne jedes ihrer Details kennen zu müssen. Die Mitte zu treffen ist also die eigentliche Kunst intelligenter Kognition.

Am technischen Modell ist es leichter zu erkennen – Werte sind der Schlüssel der Informationsverarbeitung und die Kompatibilitätsschnittstelle zwischen intelligenten Informationssystemen (eine der Ideen die wir mit unserem Datenmodell verbanden war, „Menschen an ihren Werten miteinander zu verbinden“). “Werte” ist ein treffender Begriff dafür, da unsere Realität (die Summe) anders aussieht, kalkulieren wir sie in das was wir wollen, mit ein oder nicht. Die Mathematik des Gehirns rechnet nicht mit Zahlen. Doch worauf sie hinaus will, steht fest. Denken und Tun gehen dahin, wo die Wohlbefindensaussicht am Größten ist. Von der Einschätzung was dafür alles erforderlich und hinnehmbar ist hängt ab, für welche Lösungswege sich das Gehirn entscheidet. Wenn wir unser Belohnungssystem also falsch trainieren, verrechnen wir uns, und das kann uns die Zukunft kosten.

Das Selbstbild im Wandel der Zeit

Die Neurobiologie stellt uns eine weitere Ernüchterung über die Beschaffenheit des Menschen in Aussicht, und eine zunehmend stärkere Positionierung des Fundamentalismus – als Gegengewicht zu den einseitig-evolutionären Entwicklungen des so genannten freien Marktes. Die Ernüchterung hatte ich anfangs auch. Dann aber begann ich über die Chancen nachzudenken, die in unserer Funktionalität stecken.

Andere haben es längst begriffen und weitergegeben, zum Beispiel Einstein der das Vorstellbare für machbar hielt. Ja. Wir fliegen! Wir waren auf dem Mond! Wir unterhalten uns über Tausende von Kilometern! Wir kommunizieren und bilden uns übers Internet! Alles was der Mensch bis heute geschaffen hat, war mal nicht mehr als eine Idee in jemandes Vorstellung. Nicht selten übertraf das spätere Ergebnis diese auch noch – leider nicht nur in eine positive Richtung, und das Maß an Destruktivität steigt nach wie vor ständig.

Die meisten großen Wissenschaftler der Geschichte wünschten sich eine friedliche Anwendung ihrer Erkenntnisse, zum Wohle der Menschheit. Das lief dann aber nicht immer so gut. Wirtschaftliche Verwertbarkeit ist zum pre-selektiven Kriterium geworden. Nicht der Nutzen zählt, sondern das Verkaufsargument. Das aber dient zunehmend dazu zu verschleiern, worum es tatsächlich geht – den Angesprochenen dazu zu bringen, zu kaufen und nicht, ihm dienlich zu sein. Das kann man ihm ja schließlich genau so gut vormachen. Handlungen auf Un- oder Teilwahrheiten folgen zu lassen produziert aber Irrtümer.

Es hat unsere Sicht auf die Welt, uns selbst und damit auch unser Verhalten und unsere Realität verändert, als sich herausstellte, dass wir nicht Gottes Werk, sondern das Produkt einer biologischen Evolution sein sollen. Das mag für manche ein Grund gewesen sein, sich Affen als Verhaltensvorbilder zu wählen, für andere wiederum, ihre biologische Verwandtschaft mit behaarten Zwei- und Mehrbeinern vehement zu bestreiten (bleiben jedoch immer noch die genetischen Übereinstimmungen und Verhaltensmuster, die sich nicht leugnen lassen).

Evolution und Zufall passen nicht zusammen. Erstaunlich, wie hartnäckig sich diese Einschätzung dennoch hält (wie hätten wir dann in der Lage sein sollen, Gesetzmäßigkeiten abzuleiten?). Nur bestandstaugliche (an der Umgebung orientierte) Strukturen konnten sich erhalten, und da reiht sich bereits auf atomarer Ebene (Wertigkeiten) nicht wahllos aneinander, was nicht zueinander passt. Darwin hat auch nicht proklamiert, dass der Stärkste überlebt. *The fittest* ist der, der am Besten (auf seine Umgebung) passt – der am besten Angepasste. Wäre Stärke das einzige Kriterium, hätten sich die kleinen Säugetiere wohl kaum gegen die mächtigen Reptilien durchgesetzt. Denen wurde ihre Größe und Körperkraft sogar zum Verhängnis.

Dann kam die Sache mit dem Unterbewusstsein. Daraus schlossen wir, dass wir ohnedies kaum Herr über unsere Triebe, Emotionen und damit Gedanken und Taten sind. Einmal mehr war der Mensch gekränkt. Desillusioniert und nüchtern betrachtet er heute die Welt und kompensiert seine emotionalen und sozialen Verluste mit wachsender Verschwendung von Rohstoffen. Füllen erfüllt eben nur wirtschaftliche Ziele (linear), nicht aber den Menschen – der ist längst nicht so glücklich wie er sein könnte, und es würde mich nicht wundern – falls das je messbar sein sollte – wenn die Zerstörungen an dieser Welt dem Maß unseres Unglücklichseins entsprechen würden – und sich beide Faktoren gegenseitig beeinflussen, denn wir haben gelernt, Defiziten mit Konsum zu begegnen (Symptome bekämpfen statt Ursachen zu ermitteln und zu beheben).

Naturvölker verschwenden nichts. Leiden sie nicht gerade Hunger, haben sie viel mehr Spaß an dem was sie tun wie wir – weil sie es in der Art und Weise machen, für die sie und wir physisch optimiert sind, im Einklang mit ihrer Umgebung und miteinander. Selbst wenn es uns nicht bewusst ist, unser Gehirn weiß es immer. Würde es uns für *Fehlverhalten* gegen die Umgebung mit höchster erlangbarer Güte belohnen, wäre es eine Fehlkonstruktion, und dann stellt sich doch die Frage – wenn es das wäre, wie hätte es uns dann bis in die heutige Zeit tragen können?

Wir wissen einiges – aber längst nicht alles – darüber, was war. Über die Zukunft können wir nur spekulieren. Alleine dass wir um sie wissen, verändert die Zukunft. Gewissheit über etwas haben wir erst, wenn es sich manifestiert hat. Wir kennen nicht alle Einflussfaktoren die uns bevorstehen, nicht einmal jene, die wir selbst verursachen. Da wir unsere Mitte verloren (unsere Perspektive auf die Welt ist einseitig), können uns unsere Instinkte nicht mehr sicher leiten. Es genügt nicht, dass jeder auf sich selbst schaut, um unsere Spezies zukunftsfähig zu machen. Unsere Empfindungsfähigkeit (Emotion = Information) ist außerdem für wesentlich mehr ausgelegt, denn ihre intelligente Differenzierungsfähigkeit ist eng mit unserer Soziologie verknüpft (nachweislich wird Geben vom Gehirn großzügig belohnt, es sichert uns Wohlwollen).

Interpretationsspielraum sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Machtverschiebungen. Dass der Mensch nach unwiderlegbarer Klarheit strebte war daher folgerichtig. Dass ihm dabei immer wieder Irrtümer passierten, allerdings auch. Die Fokussierung auf Ausschüttung (Belohnung als Selbstzweck statt Indikator) förderte das lineare Denken, emotionale Bedürfnisse und soziales Gewissen wurden abgelöst. Doch nach wie vor ist Erfolg eine Frage von Akzeptanz. Gehirne lernen auf allen Ebenen und gewöhnen sich immer schneller an Werbebotschaften, die nicht mehr ziehen, weil sich nicht erfüllt, was da suggeriert wird. Aus demselben Grund mixen Kosmetikhersteller ihre Mittelchen immer wieder neu. Hielten die bereits was sie versprechen, wäre das unnötig.

Werte, wie in den aktuellen politischen Diskussionen richtig erkannt, sind essentiell, da sie die Berechnungsgrundlage für unser Denken und Handeln, und die darauf basierenden Vorstellungen und Wünsche im Weiteren die Vorlage für die Realität von morgen sind. Gehirntechnisch betrachtet ist lineares Denken als Ergänzung sinnvoll (scharfe Detailsicht), aber kein Ersatz. Das Management, das unser Gehirn eigentlich braucht, ist Herz, weil nur was uns (emotional) berührt, auch unser Denken bewegt. Das bedeutet eigentlich, die Justierung unseres Willens findet zwar mit Hilfe des Verstandes (Rückkoppelung), jedoch nicht auf Verstandesebene selbst statt, sondern tiefer – da, wo wir fühlen. Diese Entdeckung ist weit älter als wir glauben – und wurde bereits in der Empfehlung zum Ausdruck gebracht, nicht träge zu sein im Herzen UND im Geiste. Letzteres folgt aus ersterem.

Ein Gehirn orientiert sich nicht an Fakten, sondern (nach wie vor) an Befindlichkeiten und was diesen zu- oder abträglich ist. Der Radius dieser Ebene kennt – im Gegensatz zum linear erlangbaren Wissen – keine baulichen Einschränkungen, da er auf Mustererkennung und -vervollständigung basiert. Hierbei fließen all unsere Erfahrungswerte mit ein und bilden das Fundament unserer Intuition. Wie weit wir das *Unbewusste* zu deuten verstehen ist eine Frage der Tiefe unseres Interpretationsvermögens (Denkens). Versuch mal, Dir vorzustellen, wie viel *Entwicklungsinformationen* wir über die Zeit getragen haben, welche Vielschichtigkeit da in jedem einzelnen von uns steckt. Keine Vision, die wir je hatten oder noch haben werden, kann da zu groß (gewesen) sein.

Wir haben eine Menge auf diesem Planeten bewegt und bezeichnen unser eigenes System als komplex, was wohl so viel heißen soll, das durchblicken wir jetzt nicht mehr. Doch die Regeln nach denen die Welt funktioniert, sind immer dieselben, und wir haben sie im Kopf. Sonst hätten wir dieses System wohl kaum dahin gestellt. Doch auch unser so genanntes *Unterbewusstsein* ist darin verbaut (nur ein geringer Bruchteil unseres *Denkens* ist artikulierbar), demzufolge auch unsere Triebmuster. Ein Entwicklungsmuster der Vernunft wäre bereits nachhaltiger orientiert und auf gedeihliche Entwicklung ausgerichtet. Ein solcher Schritt steht uns noch bevor.

Unsere Wertezuordnungen (Symbolik) stellen die Rahmenbedingungen für das, was wir wollen, weil wir aus ihnen ablesen, was wir als *zuträglich* oder *abträglich* empfinden. Die Herausforderung ist zu entschlüssel, worum es dabei wirklich geht. Die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten um sich eine neue Perspektive auf die Welt zu verschaffen und so den kognitiven Rahmen auszudehnen ist emotional (BeWERTungsschema) motivert und bewirkt eine Erhöhung der Bandbreite berücksichtigter (Über)Lebensapsekte. Das ist im Grunde nichts weiter als Mathematik auf niedrigster Verarbeitungsebene. Technisch gesehen spricht nichts dagegen, dass wir das können, und es ist ein Entwicklungsschritt, den man von einem Wesen, das von sich selbst annimmt, intelligent (im Vergleich zu wem oder was eigentlich? – das obere Ende der Skala kennen wir nicht) zu sein, erwarten könnte.

Die Welt und wir sind nicht so eindimensional, wie das Geldsystem es abbildet. Daher kann die Orientierung an Geld niemals das Fundament einer nachhaltigen Entwicklung sein (umgekehrt wird ein Schuh draus). Es macht unser Gehirn innerhalb weniger Generationen betriebsblind. Wir sind mit den physischen Fähigkeiten ausgestattet die es für eine gedeihliche Entwicklung braucht, aber zu einseitig konditioniert für eine umfassende Perspektive, vor deren Hintergrund sich unser Fühlen und Denken abspielt.

Wir werden dem, wonach wir streben, immer ähnlicher, weil es sich zunehmend relevanter in unserem Gehirn abbildet. Der Fehler liegt schon darin, es als *normal* hinzunehmen, dass Geld zwar reich, aber nicht glücklich macht, denn damit handeln wir wider das optimale Funktionieren unseres Gehirns, zumal wir dadurch nicht selten zu Handlungen (Sachzwängen) veranlasst werden, die oder deren Folgen wir gar nicht wollen. Wen es im Detail betrifft, ist irrelevant, so oder so kann das Maß an gesteigertem Wohlbefinden der *Gewinner* die Verluste die sie generieren niemals aufwiegen. Im Gegenteil, brauchen sie doch für denselben kurz andauernden Lustgewinn immer mehr von dem, was anderen dann fehlt, um noch ihren *Kick* zu bekommen. Wie frei kann ein Wille sein, der nichts anderes mehr vermag? – Und wie frei können jene sich noch entfalten, die als Einbüßende steigendem Stress ausgesetzt sind um ihren Lebensstandard zumindest noch zu halten?