Darwins oft missverstandenes Vermächtnis

Immer wieder lese ich, dass Darwins Proklamation vom Überleben des Stärkeren überholt sei. So hatte ich Darwin allerdings nie verstanden. Viel zu differenziert waren seine Betrachtungen, um dann die Überlebenstauglichkeit von Lebewesen auf einen einzigen Aspekt zu reduzieren.

“Survival of the Fittest” wurde im Jahr 1864 durch den britischen Sozialphilosophen Herbert Spencer geprägt und bedeutet im Sinne der Darwin’schen Evolutionstheorie das Überleben der bestangepassten Individuen (das kann schon mal mit Stärke zu tun haben, bestreitet ja keiner). Charles Darwin übernahm ihn ab der fünften Auflage seines Buches “Origin of Species” ergänzend zur Kapitelüberschrift “Natural Selection”.

Auf die Mehrdeutigkeit und Mißbrauchsmöglichkeiten der Begrifflichkeit hat Darwins Mitstreiter Thomas Henry Huxley (Hauptvertreter des Agnostizismus, außerdem Großvater von Aldous Huxley, der in den Dreißigern des vorigen Jahrhunderts *Brave New World* schrieb) in einer frühen Phase (betraf schon die englische Originalsprache) hingewiesen. Augenscheinlich waren seine Bedenken berechtigt.

Hier ein netter Beitrag ergänzend dazu: http://www.newscientist.com/channel/life/dn13671-evolution-myths-survival-of-the-fittest-justifies-everyone-for-themselves.html

Und noch mehr über Missverständnisse im Zusammenhang mit Evolution: http://www.newscientist.com/channel/life/dn13620-evolution-24-myths-and-misconceptions.html

Zitat:

Die merkwürdigste Tatsache ist die vollkommene Abstufung der Schnabelgrößen bei den verschiedenen Arten (…), von einem Schnabel, der so groß ist wie der eines Kernbeißers, bis zu dem eines Buchfinken und (…) sogar bis zu dem einer Grasmücke.

Der Begriff *adaptive Radiation* (adaptare = anpassen; radiatus = strahlend) stammt ebenfalls aus der Evolutionsbiologie und ist eindeutiger (ich weiß allerdings nicht, wer den prägte). Darunter versteht man die Auffächerung (Radiation) einer wenig spezialisierten Art bei Herausbildung spezifischer Anpassungen (Adaptationen) an die vorhandenen Umweltverhältnisse in viele stärker spezialisiertere Arten und damit verbunden die Ausnutzung unterschiedlicher, vorher nicht gebildeter ökologischer Nischen.

Wer immer die (Fehl)Interpretation vom *Stärksten* heranzog, war wohl mehr der rücksichtslosen Durchsetzung individueller wirtschaftlicher Interessen zugetan als der Evolutionsbiologie. Der hat entweder das Buch nicht gelesen oder nicht verstanden.
Die Fokussierung nur eines Aspekts (und Vernachlässigung anderer) führt in der Evolution in eine Sackgasse. Obgleich Darwin viel vom *Überlebenskampf* spricht, hat er dennoch einen ausgeprägten Sinn für die Vielzahl, Vielschichtigkeit und Verflochtenheit der Aspekte, die ein Wesen in seiner Form bestandhaft machen.

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