Arbeiten um zu leben oder umgekehrt

Hundepsychologen predigen den Haltern, dass ihr Hund eine Aufgabe braucht, um sich hundewohl zu fühlen. Uns selbst wollen wir das aber nicht zugestehen. Sprüche wie „man lebt nicht um zu arbeiten, man arbeitet um zu leben“ könnten unfällig vermitteln, dass Arbeit auch freudlos sein darf. Warum ein Drittel meines Lebens mit Freudlosem verschwenden? Lebenszeit verkaufen – im wahrsten Sinne des Wortes?

Ohne je ein Füreinander gelernt zu haben, hätten wir wohl keine Wirtschaft entwickelt. Dass diese sich zunehmend über Geld definierte und immer weniger über Menschlichkeit, war das Resultat einer veränderten Haltung (Einstellung > biochemische Disposition > emotionale Bewertung) – zur Arbeit, zur Leistung, zu den Rohstoffen, zu den Menschen für die man ja angeblich Nutzen schaffen wollte. Die Zerstörung ihrer Lebensumgebung ist aber zweifelsfrei mehr Schaden als Nutzen. Als könnte uns etwas dazu zwingen, so kurz zu denken. Die Geldzwangsjacke haben wir uns selbst angezogen, und nur wir selbst können uns davon wieder befreien.

Um rational zu entscheiden weiß kein Mensch genug. Kalte Berechnung findet statt, wenn uralte Triebe direkt in den Verstand durchschalten, als Rationalität getarnt, und die vielschichtige emotionale und soziale Verarbeitung im Gehirn einfach umgehen, indem sie schnurstracks auf die vorausberechnete Belohnungsaussicht zustreben. Ein Verstand ist ein Trieberfüllungswerkzeug, und das hängt nicht davon ab, ob er sich von Gefühlen oder Kennzahlen leiten lässt. Über einen Verstand zu verfügen macht nicht automatisch auch vernünftig. Vernunft ist eine Haltung (Einstellung).

Der Fehler im System ist, dass die Erfüllung eines Bedarfs immer von der Zahlungsfähigkeit des Gegenübers abhängt, und man seine Bereitschaft ihm weiterzuhelfen, davon abhängig macht ob er sie bezahlen kann. Das macht uns zunehmend unfrei, einander zu helfen, ohne dabei selbst zu verlieren (rein materiell gesehen). Die (evolutionäre) Folge ist, das Sozialverhalten verkümmert. Damit geht aber auch die Weit- und Breitsicht verloren, da der Verstand nur eine lineare Denke beherrscht.

„Geld um jeden Preis“ heißt auch, einer Tätigkeit nachgehen zu müssen, die man ohne Not nicht in Betracht ziehen würde. Nenn mich eine Träumerin, doch ich bin überzeugt davon, dass Jobs die wenig begeistern, auf Dauer nicht gut für einen selbst und jene für die sie ausgeführt werden, sein können. Gefühle die wir zu etwas haben oder nicht beeinflussen die Qualität des Ergebnisses. Je mehr wir berechnen, umso weniger gefühlte Intensität stellt sich ein, ein Defizit, das teuer kompensiert werden muss, und so geschah es auch. Generation Flatrate: Füllen statt Erfüllung.

Ich würde von mir allerdings auch nicht sagen, dass ich lebe um zu arbeiten. Die Arbeit die ich mir aussuchte ist jedoch ein Teil meines Lebens, den ich genauso wenig missen möchte wie den ganzen Rest. Wenn ich morgens aufwache, freue ich mich schon darauf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.